Automatisierung vernichtet oder schafft Jobs – je nachdem, wie gut Firmen digital aufgestellt sind

Bisher galt: Maschinen vernichten Arbeitsplätze. An dieser Erkenntnis rüttelt eine neue Studie und behauptet, dass insgesamt mehr Jobs geschaffen als vernichtet werden. In der Praxis hängt das Resultat wohl eher davon ab, wie entschlossen Unternehmen den digitalen Wandel angehen.  

An den Zahlen dieser Studie bleibt man erst einmal hängen: Zwischen 1999 und 2010 haben Maschinen mehr Arbeitsplätze geschaffen als vernichtet. Zwar seien durch die Automatisierung zunächst 1,6 Millionen Jobs weggefallen, rechnet das Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) vor. Doch gleichzeitig habe die Automation in den Nullerjahren rund drei Millionen neue Arbeitsplätze generiert. Macht unterm Strich ein Plus von fast 1,5 Millionen.

Jobverlust durch Automatisierung lässt sich nicht allein an der Austauschbarkeit des Menschen durch Maschinen messen.

Die Diskussion über die Auswirkungen der Automatisierung wurde bislang von Berichten über deren negative Folgen dominiert, allen voran die Erkenntnis: Maschinen vernichten Arbeitsplätze für Menschen. So argumentierten beispielsweise Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne von der Universität Oxford in ihrer 2013 durchführten und viel zitierten Studie: So würde die Hälfte der (US-)Jobs aufgrund ihres Automatisierungspotenzials entfallen. Frey und Osborne ermittelten die Folgen der Automatisierung anhand der Feststellung, ob der einzelne Arbeitsplatz durch einen Roboter ersetzt werden kann. Auch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) blickt darauf aus derselben Perspektive, spricht von Substitution und beschreibt damit den Anteil der Jobs, die demnächst von Maschinen erledigt werden könnten. Dieses so genannte Substitutionspotenzial sei ansteigend, er liege derzeit zwischen 15 und 30 Prozent.

Die IZA-Forscher blicken eher auf das Gesamtresultat und machen die Erkenntnisse in ihrer Studie an etwas anderem fest. Ihnen zufolge haben Automationssysteme die Kosten der Produktion reduziert. Dadurch würden Waren günstiger, Kunden kaufen mehr und Unternehmen erzielen höhere Gewinne, die sie in die Schaffung neuer Arbeitsplätze investieren – sofern die Gewinne vor Ort bleiben und nicht in den Staaten ausländischer Investoren abfließen. Ist letzteres der Fall, sei der Effekt deutlich geringer. Die Berechnungsgrundlage anderer Studien scheint ihnen zu einseitig. Bei genauer Betrachtung ist es ihre aber auch.

Automatisierung ist nicht gleich Digitalisierung

Es lässt sich nicht wegdiskutieren, dass Computer, Algorithmen und Anwendungen mit Künstlicher Intelligenz Jobs überflüssig machen. Die Kundenkommunikation läuft über Chatbots, KI-Systeme identifizieren juristische Schwachstellen in Verträgen oder werten Röntgenbilder aus und in der Produktion übernehmen intelligente Automatismen immer mehr Aufgaben. Menschen, die diese Tätigkeiten bislang machen, sind ihre Arbeit los, kein Zweifel. Besonders hart wird es laut dem Internationalen Währungsfonds für Frauen in der Lohnproduktion weltweit treffen. Hier stehen in den kommenden zwei Jahrzehnten 180 Millionen Jobs auf dem Spiel, berichtet die FAZ. Wie kommt es aber, dass andere Studien oder auch die Bundesregierung sagen, durch die Digitalisierung würden auch Jobs geschaffen, laut Bundesarbeitsminister Heil 1,3 Millionen bis 2025?

Automation macht Menschen arbeitslos, wenn sie keine Chance haben, sich weiterzubilden.

Die Antwort darauf liegt in der Formulierung. Automatisierung darf man nicht mit Digitalisierung gleichsetzen. Automation vernichtet dann Jobs – oder besser, macht dann Menschen arbeitslos –, wenn sie keine Chance bekommen, etwas anderes zu lernen oder sich weiterzubilden. Eine Studie des World Economic Forum zusammen mit der Boston Consulting Group prognostiziert, dass 95 Prozent der 1,4 Millionen durch Maschinen gefährdeten Jobs in den USA gehalten werden könnten, wenn Unternehmen nur in Umschulungs- und Weiterbildungsmaßnahmen investierten.

Der Digitalverband Bitkom kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. In den nächsten fünf Jahren seien etwa 3,4 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland gefährdet. Darunter fielen aber auch Stellen, die abgebaut werden müssten, wenn Deutschland die Chancen der neuen technologischen Entwicklungen verschlafe. „Die Digitalisierung ist in allen Branchen kein Nice-to-have, sondern ein absolutes Must-do“, sagte Bitkom-Präsident Achim Berg gerade. Produkte, Wertschöpfungsnetze und Unternehmenskultur wollten weiterentwickelt werden, weswegen Unternehmen trotz der disruptiven Situation zusätzliche Arbeitskräfte dringend brauchen. Heißt: die Digitalisierung kann Stellen schaffen, wenn man sie nur lässt.

Nur Ideen, Mut und eine Digitalstrategie bringen den „Jobkiller Automation“ zur Strecke

Mit dem digitalen Wandel wollen sich immer noch zu wenige Unternehmen beschäftigen. Mehr als die Hälfte der Unternehmen in Deutschland geben an, Bestehendes lieber bewahren zu wollen anstatt ein Risiko einzugehen. Mit dieser Einstellung und der fehlenden Unterstützung für Beschäftigte wird es für Arbeitende in traditionellen Berufen noch schwerer, im digitalen Zeitalter anzukommen. Notwendig wäre jetzt eine Digitalstrategie, die sowohl die Firma als auch die Mitarbeiter für die Zukunft rüstet. Doch dafür nehmen sich Unternehmen zu wenig Zeit. Und vor allem, sie beziehen die Mitarbeiter nicht mit ein.

Dabei gibt es beispielsweise ITler, die Ahnung haben, wohin die Reise gehen könnte. Doch sie werden durch unwissende Führungskräfte gebremst. Letztere ducken sich zu oft weg. Sie wollen mit der Digitalstrategie nichts zu tun haben statt sie federführend Innovationen voranzubringen und Arbeitende zu motivieren, in neue Arbeitsbereiche vorzudringen. Viele Mitarbeiter sind im Privaten durchdigitalisiert und würden auch gern im Beruf neue Möglichkeiten ausloten – allein, es fehlt an der Bereitschaft der Firmen. Incorporate Entrepreneurship, also die eigenen Mitarbeiter neue Business-Ideen entwickeln zu lassen oder interne „Startups“ auf den Weg zu bringen, findet zu selten statt.

Zahlenspiele vom Horrorszenario bis zur großen Liebe zwischen Mensch und Maschine stiften Verwirrung.

So könnten nämlich ganz neue Berufe entstehen, auch für einige, die aufgrund der Automation auf der Strecke bleiben. Der IT-Dienstleister Cognizant führt beispielsweise Datendetektive an, die auf der Basis von Big Data Geschäftsmodelle entwickeln. Oder einen Mensch-Maschine-Teambuilder, der die Vorteile von Maschinen mit denen des Menschen kombiniert. Bestimmt wären auch einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die heute so genannte Bullshit-Jobs haben, froh, Aufgaben an Automationstechnologien abzugeben, wenn für sie eine passende Alternative bereit stünde.

Auch die Beschäftigten sind gefordert

Ausschließlich Unternehmen vorzuwerfen, zu zögern oder zu blocken, wäre indes nur die halbe Wahrheit. Auch viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehen keinen Handlungsbedarf. Das Analystenhaus Deloitte kommt in einer aktuellen Studie zum Ergebnis: „Die Beschäftigten antizipieren kaum oder wenig Veränderung ihrer eigenen Arbeit durch die Digitalisierung und neigen zur Selbstüberschätzung im Umgang mit dem technologischem Wandel.“ Nur 18 Prozent sehen demnach erhebliche neue Anforderungen auf sich zukommen. Lebenslanges Lernen, eine Eigenschaft, die als Kernelement einer erfolgreichen digitalen Transformation gilt, nehmen viele allzu gelassen. In Deutschland sind 50 bis 60 Prozent davon überzeugt, dass ihre bisherigen Soft Skills ausreichen.

Sich eine moderne Denkweise anzueignen und Schlüsse für Infrastruktur, Belegschaft und Unternehmenskultur daraus zu ziehen, ist wohl eine Kernforderung der Digitalisierung. Zahlenspiele aus immer neuen Studien, die Automatisierung mit Digitalisierung gleichsetzen, und vom Horrorszenario bis zur großen Liebe zwischen Mensch und Maschine alles abbilden, stiften Verwirrung und lassen Unternehmen wie Arbeitende allein. Der digitale Wandel ist auch deshalb so schwer, weil es keine allgemeingültige Schablone gibt. Orientieren kann man sich aber an Unternehmen, die sich bereits auf den Weg gemacht haben, wie Otto, PorscheSiemens, ADAC, Axel Springer oder Continental.

Tags

Das könnte Sie auch interessieren

Was meinen Sie dazu?

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Close
Close