Bullshit Jobs und wie sie überwunden werden könnten

Das Festhalten an Strukturen aus dem letzten Jahrhundert hat eine ganze Reihe von Jobs entstehen lassen, die völlig sinnlos oder unnötig sind. „Bullshit-Jobs“ kosten Firmen viel Geld und machen niemanden glücklich. Die Digitalisierung ermöglicht ganz neue Konzepte.

Der Anthropologe und Kapitalismuskritiker David Graeber veröffentlichte 2013 einen Artikel im US-Magazin Strike, in dem er folgende These über die Arbeitswelt des letzten Jahrhunderts aufstellt: Die Industrialisierung hätte es eigentlich ermöglichen können, dass wir nur 15 Stunden pro Woche arbeiten müssten und dennoch alles haben könnten, was ein zufriedenes Leben ausmacht. Trotzdem arbeiten wir heute mehr und verbissener als jemals zuvor und ein erstaunlich großer Teil von uns fühlt sich von seiner Tätigkeit nicht erfüllt. 

Um Jobs, die "vollkommen sinnlos, unnötig oder gefährlich sind", geht es in David Graebers Buch. (Bild: Klett-Cotta)
Um Jobs, die „vollkommen sinnlos, unnötig oder gefährlich sind“, geht es in David Graebers Buch. (Bild: Klett-Cotta)

Der Kapitalismus, so Graebers These, habe eine Vielzahl von Tätigkeiten entwickelt, die einzig und allein den Zweck hätten, die Nachfrage und den Konsum überflüssiger Dinge aufrecht zu erhalten. Graebers Artikel fand damals so viel Anklang, dass er dieses Jahr ein Buch zum Thema veröffentlicht hat. Sein Titel: Bullshit Jobs. „Ein Bullshit-Job ist eine Form der bezahlten Anstellung, die so vollkommen sinnlos, unnötig oder gefährlich ist, dass selbst derjenige, der sie ausführt, ihre Existenz nicht rechtfertigen kann, obwohl er sich im Rahmen der Beschäftigungsbedingungen verpflichtet fühlt, so zu tun, als sei dies nicht der Fall.“

Formular-Ausfüller und Panzerband-Kleber

In seinem Buch unterteilt Graeber die Bullshit-Jobs in fünf Kategorien:
→ Lakaien sind Leute, deren Aufgabe es ist, ihre Vorgesetzten gut aussehen zu lassen – Wasserträger von hohen Managern und Vorzimmer-Wärter*innen ohne eine wirklich sinnvolle Aufgabe, die nur dem Chef mehr Geltung verleihen sollen.
Angehörige von Schlägertrupps sollen Menschen dazu bewegen, etwas unbedingt zu tun oder zu lassen, z.B. Telemarketer, Drückerkolonnen oder Abmahnanwälte. Würden diese Jobs nicht existieren, würde sie niemand vermissen, so Graeber.
→ Panzerband-Kleber flicken Bruchstellen, die es eigentlich gar nicht geben dürfte. Viele Firmen beschäftigen Mitarbeiter, die nur dazu da sind, die Unzulänglichkeiten eines schlechten Produkts ausbügeln, statt es neu zu gestalten. Support-Mitarbeiter einer schlecht funktionierenden Software würden beispielsweise zu dieser Gattung gehören.
→ Formular-Ausfüller sind Leute, die Unternehmen Alibis verschaffen. Sie führen beispielsweise Umfragen bei Verbrauchern durch, um zu erfahren, was sie wirklich wollen – nur wird genau das nie umgesetzt, weil es zu teuer oder nicht profitabel genug ist.
→ Arbeitsverteiler sind meistens Angestellte im mittleren Management. Sie beaufsichtigen oft Mitarbeiter, die fähiger und produktiver sind als sie selbst – und die eigentlich keinerlei Aufsicht bräuchten.

Die Digitalisierung ist allerdings gerade dabei, am aktuellen Status Quo der Arbeitswelt zu rütteln – auch was die Bullshit-Jobs betrifft. Zum einen werden viele dieser Jobs überflüssig. Lakaien und Formular-Ausfüller fallen immer häufiger dem zunehmenden Kostendruck zum Opfer. Auch Firmen mit ausgeprägtem Wasserkopf kommen nicht umhin, angesichts des durch die Digitalisierung härter werdenden Wettbewerbs an der Kostenschraube zu drehen. Optimierte Sales- und Marketing-Prozesse stellen die Schlägertrupps in Frage. Die mittlere Managementebene der Arbeitsverteiler wird durch flache Hierarchien und vernetzte Strukturen abgelöst und Firmen, die sich allzu viele Panzerband-Kleber leisten, haben Nachteile im Wettbewerb.

Wissensarbeit ist was anderes als Produktion

Zum anderen verändert die Digitalisierung immer mehr die Natur der Arbeit. „Wissensarbeiter“ verabschieden sich zunehmend von täglich wiederkehrenden Aufgaben, die sie stur abarbeiten müssen. Digitale Arbeit findet immer häufiger im Rahmen eines Projekts statt. Diese Art von Arbeit unterscheidet sich grundlegend von der Arbeit in der Produktion, die die Stellenbeschreibungen der heutigen Welt immer noch prägen. 

„Wissensarbeiter stellen weder Produkte her, noch führen sie Basisdienste aus“, schreibt der Management- und Strategieprofessor Robert L. Martin in einem Artikel in der Harvard Business Review. Sie produzieren aber sehr wohl etwas, und es wäre sehr vernünftig, ihre Arbeit als die Herstellung von Entscheidungen zu nennen. Entscheidungen darüber, was vermarktet werden soll, zu welchem Preis, an wen genau, mit welcher Art von Werbung, über welche Logistik, an welchem Standort und mit welchem Personal.“

Personal könnte um Projekte herum strukturiert werden.

Durch diese Entwicklung wird laut Martin das ganze System der „Jobs“, so wie wir sie heute kennen, in Frage gestellt. Natürlich könnten nicht alle von heute auf morgen zu Projektleitern und Wissensarbeitern gemacht werden. Doch das Festhalten am Konzept der starren Jobbeschreibungen zwinge Unternehmen immer wieder dazu, bestimmte Jobprofile intern abzuschaffen und in der Konsequenz Beschäftigte zu entlassen – nur um kurze Zeit später wieder viel Geld für die Rekrutierung von Mitarbeitern mit einem anderen Jobprofil auszugeben. 

Martin schlägt als Alternative vor, Arbeit und Personal nicht nach dem Prinzip der Stellenbeschreibungen zu strukturieren, sondern um das Prinzip der Aufgabe und des Projekts. „Nach diesem Modell werden Mitarbeiter nicht an einer bestimmten Funktion gebunden betrachtet, sondern Projekten zugeordnet, in welchen ihre Fähigkeiten benötigt werden“, schreibt Martin. Nach diesem Prinzip seien heute schon Dienstleister und Unternehmensberatungen wie Accenture oder McKinsey organisiert. Unternehmen könnten dadurch mit weniger Personal eine höhere Auslastung und geringere Redundanz erreichen – und in der Konsequenz auch weniger Bullshit-Jobs. 

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