Weiterbildung braucht mehr Action

Wer sollte bei der betrieblichen Weiterbildung die Initiative ergreifen? Ist es eine Sache des Unternehmens, der Personalleitung, der Abteilungsleitung oder des jeweiligen Mitarbeiters, Bedarf anzumelden und Kurse zu organisieren? Untätigkeit jedenfalls schadet allen, soviel steht fest.

Die Digitalisierung stellt persönliche Werdegänge und Firmentraditionen völlig auf den Kopf. Sowohl für Unternehmen als auch für Mitarbeiter ist daher die Weiterbildung eine der wichtigsten Maßnahmen der Zeit. Doch sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer warten häufig, bis die jeweils andere Seite aktiv wird. Bis dahin ist „Business-as-usual“ angesagt und die Hürden scheinen unüberwindbar hoch. Unternehmen etwa wollen auf die Arbeitskraft nicht verzichten und Beschäftigte lehnen oft ab mit dem Argument, für Weiterbildung hätten sie keine Zeit.

Weiterbildung ist keine Selbstverständlichkeit.

Schon bei den Hindernissen zeigt sich, wie ähnlich die beteiligten Gruppen denken. Bei der Motivation für den Anstoß von Weiterbildungsmaßnahmen ist es nicht viel anders.

Unternehmen wissen um den Einfluss ihrer Belegschaft 

90 Prozent der Unternehmen finden laut einer Bitkom-Studie das Thema Weiterbildung wichtig und fast alle (99 Prozent) sind der Meinung, dass lebenslanges Lernen immer wichtiger wird. Dabei haben sie natürlich betriebswirtschaftliche Aspekte im Blick, aber nicht nur. Hier sind die Argumente, die für größere Anstrengungen im Bereich Fortbildung sprechen:

Für Unternehmen gibt es grundsätzlich viele Gründe für ein Weiterbildungsangebot an die Belegschaft. (Quelle: Bitkom)
  • Neue Technologien und Regeln: Digitale Büro- und Produktionslösungen wie beispielsweise Collaboration-Tools sowie regulatorische Anforderungen wie die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) treiben die Weiterbildung an (laut der Bitkom-Studie 75 Prozent).
  • Mehr Output: 79 Prozent erwarten sich eine höhere Produktivität.
  • Der Kostenfaktor: Weiterbildung ist billiger ist als Rekrutierung zusätzlicher Fachkräfte, sagen 73 Prozent.
  • Employer Branding: Für 93 Prozent der befragten Unternehmen sind motivierte und zufriedene Beschäftigte, die eine Zukunft im Unternehmen sehen, ein Argument für mehr Weiterbildung. 92 Prozent versprechen sich eine bessere Bindung der Mitarbeiter zum Unternehmen.
  • Kompetenzen im Haus halten: 91 Prozent hoffen, durch Weiterbildungsmaßnahmen Fachkräfte zu halten und so zudem die Innovationsfähigkeit der Beschäftigten zu fördern (76 Prozent).

Beschäftigte fordern Betriebe öfter auf

In sechs von zehn Fällen fordern laut der Bitkom-Studie Arbeitende ihre Arbeitgeber zu Weiterbildungsmaßnahmen auf. Ihre Argumente werden mit zunehmendem Interesse und der steigenden Notwendigkeit immer deutlicher:

  • Motivation dank Wertschätzung: Mitarbeiter legen mehr Wert darauf, dass ihre Arbeit anerkannt und wertgeschätzt wird. Wer zeigt, was er oder sie kann und welche Kompetenzen noch erlernt werden können oder wollen, geht motiviert in den Job.
  • Langeweile im Job: Die Zeiten von Stechuhr und immer gleichen Tätigkeit passt so garnicht in eine Gesellschaft voller Flexibilität. Dazulernen ist die beste Option, sich im Job zu verändern, entweder dem angestaubten Beruf neues Leben einzuhauchen oder neue Stärken zu entdecken und sich selbst für neue Aufgaben zu empfehlen.
  • Sorge vor Wegdigitalisierung: Tatsächlich ist es so, das diejenigen wohl verlieren werden, die sich dem Wandel (Umgang mit Automationslösungen, Offenheit für lebenslanges Lernen) aktiv widersetzen. Die Erkenntnis darüber führt auch dazu, wenn auch mancherorts notgedrungen, dass die Initiative von Arbeitenden kommt.
  • Höhere Effizienz, mehr Freizeit: Praxistests haben gezeigt, dass Beschäftigte durch den Einsatz digitaler Technologien und die Anwendung neuer Arbeitsweisen (beides muss erst erlernt werden) produktiver sind. Das macht zufriedener und ist ein zusätzliches Argument für die 4-Tage-Woche.

Beteiligte stehen sich gegenseitig im Weg

Im Vergleich sind die Motivationen von Unternehmen und Beschäftigten in Sachen Weiterbildung also nicht so weit voneinander entfernt. Es geht um Produktivität, engagierte Beschäftigte und langfristige Arbeitsverhältnisse.

Und doch bremsen sich die Beteiligten an manchen Stellen gegenseitig aus. Denn 21 Prozent der Unternehmen haben laut der Bitkom-Erhebung keine Ahnung, was sich auf dem Weiterbildungsmarkt so tut. Und 27 Prozent sagen, derzeit bestehe kein (weiterer) Weiterbildungsbedarf. Auf der andere Seite geben die Befragten an, knapp ein Viertel der Belegschaft habe kein Interesse (mehr) an Weiterbildungsmaßnahmen.

Der Action-Aufruf gilt auch für die Politik und staatliche Institutionen.

Und schließlich wird eine dritte Gruppe mitverantwortlich gemacht: die Politik zusammen mit staatlichen Institutionen. Acht von zehn Unternehmen sind der Meinung, dass sich die Beratung der Bundesagentur für Arbeit deutlicher am tatsächlichen Qualifizierungsbedarf des Arbeitsmarktes orientieren sollte. Über 80 Prozent fordern steuerliche Vergünstigungen für Unternehmen für die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter. Auch Beschäftigte sollten Weiterbildungen ohne Höchstgrenze steuerlich absetzen können, argumentieren 73 Prozent.

Weiterbildungskultur ist Aufgabe aller

Beim Geld also mag die Politik eine (Mit-)Verantwortung haben. Alles andere muss von den beteiligten Gruppen kommen. Weiterbildung ist nicht nur Schritt halten, sondern heißt, tatsächlich weiterkommen. Und: Weiterbildung ist keine Selbstverständlichkeit, so der Bitkom. Das wollen eigentlich alle. Nicht nur der Bitkom rät Betrieben daher zu einer Weiterbildungsstrategie, die sich aktuell am sinnvollsten an der Digitalstrategie ausrichtet.

Diese Strategie darf jedoch nicht nur von oben kommen, sondern wird bestenfalls zusammen mit der Belegschaft entwickelt, die ihre individuellen Arbeitsvorstellungen mit einbringt. So kann gleichzeitig eine neue Art des Miteinanders entstehen, was derzeit als Unternehmenskultur die Runde macht und daran erinnert, dass Kommunikation, Lernen und gegenseitige Unterstützung die einfachste Art ist, einen Betrieb mit Leben zu füllen.

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