Flexible Arbeitszeit: Warum ist das bei Berufspendlern ein Problem?

Pendler nutzen ihren Arbeitsweg oft, um zu arbeiten. Doch während im Homeoffice flexible Arbeitsmodelle akzeptiert und angerechnet werden, haben Pendler von dem zeitgemäßen Konzept bisher nichts. Dabei könnte man damit sogar dem Fachkräftemangel begegnen.

Gibt es einen Unterschied zwischen Homeoffice und Pendlerzeit?

Smartphone, Laptop und immer mehr WLAN-Angebote machen es möglich: Auf dem Weg zur Arbeit oder auch auf dem Nachhauseweg mit der Bahn erledigen Mitarbeiter oftmals das, was in die „normale“ Arbeitszeit nicht hineinpasst. Digitale Tools und Cloud-Lösungen erleichtern mobile Arbeitsweisen zusätzlich. Jene Zeit unterwegs wird aber in der Regel nicht als flexible Arbeitszeit angerechnet oder vergütet – obwohl sie mit der Arbeit im Homeoffice vergleichbar ist. Denn hierbei sitzt der Mitarbeiter zwar nicht am Schreibtisch, arbeitet aber trotzdem. Immer lauter werden deshalb die Stimmen, die Pendlerzeit als Arbeitszeit gewertet sehen wollen. Tatsächlich könnte das Beschäftigte mit langen Arbeitswegen deutlich entlasten und hätte noch eine Reihe weiterer Vorteile:

Stoßzeiten umgehen. Wenn Pendlerzeit als Arbeitszeit gilt, können Mitarbeiter zu Hause mit der Arbeit beginnen und anders als viele andere Beschäftigte später ins Büro fahren. Das entzerrt die Massen, die zu Stoßzeiten etwa am Bahnsteig stehen.

Die Motivation steigt. Wer sich nicht schon ärgern musste, weil die Arbeit unterwegs unentgeltlich war und auch nicht auf die Arbeitszeit angerechnet wird, kommt entspannter im Büro an. Die Motivation, den nächsten Arbeitsschritt anzugehen, ist höher und die Bereitschaft, sich zu engagieren, steigt ebenfalls.

Faktor Gesundheit. Es wäre falsch zu sagen: Pendeln macht krank. Doch in vielen Studien wurde nachgewiesen, dass der oftmals damit verbundene Stress Herzprobleme oder Bluthochdruck verursachen kann. Ganz ohne Studie weiß jeder Pendler auch das: Wer täglich in einer vollen S-Bahn steht, erkältet sich leichter – gerade im Winter, wenn ringsherum gehustet wird.

Fachkräfte pendeln. Auf der Suche nach Fachkräften können Kilometer entscheiden. Wer nicht umziehen will (oder aufgrund der horrenden Preise auf dem Wohnungsmarkt, gerade in Ballungsbebieten, nicht umziehen kann), aber den Job gern machen möchte, könnte mit bezahlter Pendlerzeit eher bereit sein, eine längere Strecke auf sich zu nehmen.

Pendlerarbeit gibt es schon ewig: Früher hat man eben Texte ausgedruckt und unterwegs gelesen.

Der Umwelt zuliebe. Viele favorisieren das Auto, weil es schneller geht. Manchmal haben sie recht. Wer aber unterwegs entgeltlich arbeitet, lässt das Auto vielleicht eher stehen und verringert die allmorgendliche Blechkolonne in die Städte.

Pendler offenbaren die Schwächen klassischer Arbeitszeitregelungen

Es besteht dringender Handlungsbedarf. Wie sehr, das zeigen Pendlerstudien. Eine der aktuellsten stammt von der Universiät Bristol in Großbritannien. Die Mehrheit (60 Prozent) der insgesamt 5000 befragten Pendler zwischen Birmingham und London gaben an, die Zeit von zu Hause zur Arbeit oder umgekehrt unter anderem für E-Mails zu nutzen. Für die Forscher ist das ein klares Zeichen, dass die Pendlerzeit als Arbeitszeit gewertet werden muss.

Die Mehrheit der Berufspendler in Deutschland setzt auf das Auto.

In Deutschland steigt die Zahl der Berufspendler ebenfalls kontinuierlich an. 60 Prozent der Arbeitnehmer pendeln zur Arbeit, hat das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung ausgewertet. Laut Statistischem Bundesamt hat sich der Anteil der Erwerbstätigen, die einen Anfahrtsweg zwischen 30 und 60 Minuten haben, im Vergleich zum Jahr 2000 von 18 auf 22 Prozent erhöht. Eine Stunde und länger benötigen immerhin noch 5 Prozent. Nur rund 14 Prozent der Erwerbstätigen fahren regelmäßig öffentlich zur Arbeit (Stand 2016). Fast 68 Prozent nehmen das Auto. 4,3 Prozent fahren Bus, jeweils rund 5 Prozent nutzen U-Bahn/Straßenbahn beziehungsweise S-Bahn/Zug.

Damit die Vorteile für Arbeitnehmer und Arbeitgeber funktionieren, kommt man nicht umhin, an der klassischen 9-bis-5-Mentalität zu rütteln. Statt die Arbeitszeit im Büro starr als einzig wahre Zeit anzurechnen, sollten Unternehmen die Zeit vergüten, die tatsächlich gearbeitet wird, fordern die britischen Studienautoren und bringen Norwegen als Beispiel. Dort werde die Pendelzeit auf die Arbeitszeit angerechnet. In Firmen, die bereits Homeoffice-Regelungen haben, dürfte das nicht allzu schwierig sein – hat sich doch wahrscheinlich eine Unternehmenskultur etabliert, die so etwas wie Vertrauen, dass auch gearbeitet wird, von Seiten der Arbeitgeber impliziert. Arbeitnehmer haben sich andererseits damit arrangiert, mehr kontrolliert zu werden und über ihre Produktivität öfter Rechnenschaft ablegen zu müssen.

In klassisch aufgestellten Unternehmen ist der Weg weiter. Sich der eigenen Unternehmenskultur bewusst zu werden, ist eine Sache; sie zu ändern ist eine große Herausforderung. Denn, seien wir ehrlich, Pendlerarbeit gibt es nicht erst seit Laptop und Smartphone. Früher hat man den Text, der gegengelesen werden musste, eben ausgedruckt und mitgenommen. Gedankt (und gezahlt) hat einem das niemand. Ein Umdenken ist daher dringend geboten – und machbar.  Digitale Tools unterstützen Arbeitgeber bei der Kontrolle und vereinfachen es auf der anderen Seite den Mitarbeitern dort zu arbeiten, wo sie können.

Arbeitgeber sind in der Pflicht – der Gesetzgeber und Pendler-Beförderer aber auch

Ob Unternehmen allerdings auf ganz freiwilliger Basis dahin kommen, ist zumindest fraglich. Viele Firmen sind (noch) nicht bereit, sich mit ihrer Kultur und den Arbeitszeitregelungen auseinanderzusetzen. Möglicherweise muss der Gesetzgeber eingreifen und klare Grenzen ziehen. Denn manche Unternehmen machen sich für ihr Arbeitsverständnis die Annahme zu eigen, dass Freizeit und Arbeit immer mehr miteinander verschmelzen – zu Lasten des Arbeitnehmers.

Die Zahl der Pendler, die unterwegs arbeiten, steigt mit besserem WLAN.

Darüber hinaus kommt sowohl dem Gesetzgeber als auch der Bahn sowie weiteren Pendler-Angeboten wohl die Aufgabe zu, in Sachen Infrastruktur auf die Tube zu drücken. Aus der britischen Studie geht hervor, dass die Zahl der Pendler, die auf dem Weg zum Job arbeiten, mit zunehmend besserem WLAN steigt. Zudem fehlen Verbindungen und ausreichend Züge auf den Strecken in die Metropolen. Der Verkehrsexperte Uwe Clausen von der Technischen Universität Dortmund sagte Anfang November dem TV-Sender 3sat, dass mehr investiert und mehr für die Mobilität der Arbeitnehmer getan werden müsse.

Von Arbeitnehmervertretern können Beschäftigte derzeit nicht viel zum Thema erwarten. Der Deutsche Gewerkschaftsbund beispielsweise fordert zwar die Anhebung der Pendlerpauschale und möchte dazu lieber Mobilitätsgeld sagen. Auch unterstützt er flexible Arbeitzeitmodelle, damit Mitarbeiter Homeoffice machen können und garnicht erst los müssen. Dazu, dass sie für die Arbeit unterwegs bezahlt werden, gibt es akutell keine Aussage.

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