Digitale Zusammenarbeit soll Deutschland vor Landflucht bewahren

Angesichts steigender Mieten und überfüllter Verkehrswege bieten sich Collaboration Tools als Mittel an, ländliche Regionen wiederzubeleben. Ein Projekt des Wirtschaftsministeriums und des Fraunhofer IESE soll jetzt die Weichen dafür stellen.

Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung in Deutschland leben auf dem Land oder einer Kleinstadt und träumen nicht unbedingt davon, eines Tages in eine Großstadt wie Berlin, München oder Hamburg zu ziehen. Das war schon in der Vergangenheit der Fall und spätestens seit die Mieten in den Ballungsgebieten durch die Decke gegangen sind und sich die Autobahnen immer mehr mit Pendlern füllen, dürfte ihnen die Lust auf Großstadt endgültig vergangen sein. 

Nur einer von fünf Deutschen würde am liebsten in eine Großstadt ziehen. (Quelle: Bevölkerungsbefragung zur Baukultur 2015 der Bundesstiftung Baukultur)
Nur einer von fünf Deutschen würde am liebsten in eine Großstadt ziehen. (Quelle: Bevölkerungsbefragung zur Baukultur 2015 der Bundesstiftung Baukultur)

Trotzdem bleibt vielen von ihnen oft keine andere Wahl als in eine der genannten Metropolen zu ziehen oder zumindest in der Nähe – weil ihr Arbeitgeber dort sitzt. Firmen siedeln sich nun mal am liebsten dort an, wo die Infrastruktur gut und es kein Problem ist, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden. Die meisten Unternehmen in Deutschland verlangen auch von ihren Arbeitnehmern, jeden Tag vor Ort anwesend zu sein. 

Pendeln ließe sich für viele vermeiden

Das ist schon fast tragisch, denn der überwiegende Teil der Pendler sind Erwerbstätige, die eigentlich das Potenzial hätten, ihren Arbeitsalltag flexibler zu gestalten – gut qualifizierte Fachkräfte, deren Jobs zunehmend digitalisiert werden. Homeoffice mag zwar ein stark zunehmender Trend sein, doch der Weg zu einer richtigen Remote-Work-Kultur ist bei den meisten Unternehmen noch weit. Das Resultat: Noch höhere Mieten, noch dichterer Verkehr, noch mehr Landflucht und damit noch weniger Gründe für Telekommunikationsfirmen und Politiker, in die Infrastruktur ländlicher Regionen zu investieren.

„Eine Abwärtsspirale“ nennt Susanne Braun vom Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering (IESE) diese Entwicklung. Die Informatikerin leitet das Projekt Digitale Teams, das den negativen Trend durch die Nutzung von Collaboration Tools aufhalten soll. Daran beteiligt sind unter der Federführung des Fraunhofer IESE auch Microsoft, das Institut für Technologie und Arbeit (ITA) sowie einige Startups, die einiges zum Thema elektronische Zusammenarbeit beitragen können. Das letzten April gestartete Projekt wird vom Wirtschaftsministerium drei Jahre lang mit insgesamt 4,3 Millionen gefördert.

Immer mehr Erwerbstätige müssen pendeln, die Ausgaben in die Verkehrsinfrastruktur steigen.
Immer mehr Erwerbstätige müssen pendeln, die Ausgaben in die Verkehrsinfrastruktur steigen.

Als übergeordnetes Ziel des Projekts wird die Verbesserung von Beschäftigungsmöglichkeiten in ländlichen Regionen angegeben, um mittelfristig der Landflucht in Deutschland entgegenzuwirken. In diesem Kontext soll das Projekt dazu beitragen, neue Beschäftigungsmöglichkeiten auf dem Land zu schaffen, Wissensarbeit zu fördern, den Fachkräftemangel abzuschwächen und die Daseinsvorsorge der Menschen auf dem Land nachhaltig zu sichern.

„Die Präsenzkultur ist heutzutage nicht mehr angemessen“

„Die Präsenzkultur ist heutzutage nicht mehr angemessen“, konstatiert Susanne Braun. Doch auch sie weiß, dass die Skepsis in deutschen Unternehmen überwiegt und es eine ganze Reihe von Herausforderungen gibt, mit denen dezentral aufgestellte Teams tatsächlich zu kämpfen haben. Wie kann beispielsweise der Zusammenhalt von Teams gewährleistet werden, deren Mitglieder räumlich weit verstreut sind? Wie können Mitarbeiter, die den ganzen Tag allein in ihrem Homeoffice verbringen, produktiv und kreativ bleiben? Wie hält man die Kommunikation so gut am Laufen, dass kleine Probleme nicht so lange verschwiegen werden, bis sie sich zu großen Problemen entwickeln?

Die meisten Tools für elektronische Kommunikation und Zusammenarbeit sind Insellösungen und decken nur einen bestimmten Bereich ab. (Quelle: Fraunhofer IESE)
Die meisten Tools für elektronische Kommunikation und Zusammenarbeit sind Insellösungen und decken nur einen bestimmten Bereich ab. (Quelle: Fraunhofer IESE)

Warum braucht es ein Ökosystem?

Nun gibt es für die digitale Kommunikation und Zusammenarbeit inzwischen eine breite Palette an Tools, die diese Herausforderungen mehr oder weniger gut meistern. Warum also das Projekt? „Das Problem besteht darin, dass Collaboration Tools Insellösungen sind“, erklärt Susanne Braun. Die Nutzer sind darauf angewiesen, dass die IT ihres Unternehmens zumindest für die interne Kommunikation und Zusammenarbeit eine nahtlose Integration aller Komponenten hinbekommt. Das ist nicht gerade einfach, wenn dabei auch noch die Themen Sicherheit, Vertraulichkeit und Datenschutz richtig abgedeckt werden sollen. In der Praxis gelingt das heute nur Unternehmen ab einer bestimmten Größe. Für die IT der meisten Kleinunternehmen ist diese Aufgabe schlicht zu aufwändig.

Das Projekt Digitale Teams setzt genau an diesem Punkt an und will ein intelligentes Ökosystem entwickeln, das über sogenannte Smart Services die jeweils passenden Tools zur Verfügung stellt und zu einer integrierten Arbeits- und Kommunikationsumgebung miteinander verknüpft. Über eine solche übergreifende Plattform sollen auch Kleinunternehmen einen einfachen Zugang zur elektronischen Zusammenarbeit finden.

Das avisierte Ökosystem des Projekts Digitale Teams ist vielschichtig angelegt. (Quelle: Fraunhofer IESE)
Das avisierte Ökosystem des Projekts Digitale Teams ist vielschichtig angelegt. (Quelle: Fraunhofer IESE)

Den Faktor Mensch berücksichtigen

Allerdings will sich das Projekt nicht allein mit einer optimierten Tool-Unterstützung begnügen. Den Mitwirkenden ist bewusst, dass der Erfolg digitaler Zusammenarbeit letztendlich vom Faktor Mensch abhängt. Deswegen widmet sich ein guter Teil des Projekts den Rahmenbedingungen und Voraussetzungen für die erfolgreiche Arbeit dezentraler Teams. Den strategisch/theoretischen Teil dazu liefern Partner wie das oben erwähnte ITA oder Startups wie Innential, das Künstliche Intelligenz zur Optimierung der Leistungsfähigkeit von Mitarbeitern, Teams und Organisationen nutzt. Beteiligt ist außerdem die Coworking-Plattform Welance, bei der viele Freiberufler aktiv sind und traditionell die meiste Erfahrung mit Remote Work mitbringen.  

Das Projekt Digitale Teams ist offen für die Einbeziehung weiterer Partner. Gefragt sind vor allem kleinere Anbieter von Collaboration Tools, die ihre Produkte in über Schnittstellen in die neue Plattform einbringen möchten. 

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