Arbeiten bei einem Startup: Moderne Methoden, unsichere Zukunft

Startups haben den Ruf, die eigene Unternehmenskultur mit modernen Arbeitsweisen und Konzepten à la New Work zu gestalten. Je mehr Berufstätige diese Mentalität zu schätzen wissen, desto interessanter werden junge Gründerfirmen als Arbeitgeber. Startups selbst jedoch sehen ihre Zukunft derzeit kritisch.

 4 von 10 Bundesbürgern würden Freunden empfehlen, ein eigenes Startup zu gründen.

Bei einem Startup zu arbeiten ist beliebt. 83 Prozent der Deutschen halten Gründer laut einer Befragung des Branchenverbands Bitkom für leistungsorientiert und zielstrebig. Die Eigenschaft von „technikverliebten Sonderlingen“, wie Startups in der Vergangenheit gerne bezeichnet wurden, verbinden dagegen nur 38 Prozent damit. Immerhin würden 4 von 10 Bundesbürgern (43 Prozent) ihnen nahestehenden jungen Menschen empfehlen, ein eigenes Startup zu gründen. Und fast genauso viele (44 Prozent) würden ihnen empfehlen, einen Job in einem Startup anzunehmen.

Neben der Dynamik ist es wohl die intensive Zusammenarbeit innerhalb eines kleinen, verschworenen Teams, das außenstehende reizt. Laut dem Deutschen Startup Monitor 2018 arbeiten bei einem Jungunternehmen im Schnitt 12,3 Personen. Zur deutschen Bevölkerung gehören über 45 Millionen Erwerbstätige. Viele von ihnen, vor allem Jüngere, schätzen die bei Gründern verbreitete Mentalität, ihre Werte und Arbeitsweisen, die heute als das Nonplusultra des modernen Arbeitsplatzes gelten:

New Work – und warum die Digitalisierung nur teilweise etwas damit zu tun hat
Der bisherige New-Work-Ansatz: Neue Arbeitsweisen, die zufriedene Arbeitende zum Ziel haben sollen. Aber: Es geht um viel mehr als Effizienz und Produktivität

Hinzukommt noch der Ur-Gedanke von New Work, so wie ihn Fritjof Bergmann versteht: Gründer tun das, was sie „wirklich wirklich wollen“. Nur noch jeder Fünfte (22 Prozent) der Befragten meint, dass das jeweilige Startup nur aus der Not heraus gegründet wurde, weil die Gründer keinen anderen Job gefunden haben.

Die Kriterien im Zusammenhang mit der modernen Arbeitswelt werden mit Glück und Zufriedenheit im Job verknüpft und sind oftmals wichtiger oder zumindest ebenso wichtig wie ein hohes Gehalt. Schon länger bemängelt der Bitkom, dass etablierte Unternehmen zu selten mit Startups kooperierten, obwohl sie einiges von Gründern lernen und so auch Fachkräfte locken könnten. „Für etablierte Unternehmen können Startups die entscheidenden Impulse bei der Entwicklung neuer digitaler Geschäftsmodelle setzen – über alle Branchen hinweg“, so Bitkom-Präsident Achim Berg. Unterstützung ist im Übrigen auch in die andere Richtung von Vorteil: Marktzugang und Kundenstamm, um nur zwei zu nennen.

Von Startups erwartet man moderne Arbeitsmethoden – das geht manchmal schief

Gründer selbst sehen ihre Zukunft aber kritisch. All das Offene und Mitgestaltende, was Jungunternehmer*innen ja umsetzen wollen und was Neueinsteiger auch irgendwie erwarten, hat manchen schon beinahe die Existenz gekostet. Raffaela Rein, ehemalige CEO bei CareerFoundry, setzte zum Beispiel viel auf flache Hierarchien. „Wir wollten ein besonderes Startup mit einer ungewöhnlichen Kultur sein, in der jeder seine Ziele verwirklichen konnte, um CareerFoundry groß zu machen. Wir sind gescheitert.“ Moderne und transparente Arbeitsweisen sind anstrengend, aufwändig, brauchen kontinuierliche Reviews sowie Feedback und nehmen auch die Arbeitenden in die Pflicht. Der Kitt, der das Startup zusammenhält, ist dann oft allein die Leidenschaft für das Produkt oder den Service sowie die Überzeugung, dass das Unternehmen zukunftsfähig sein werde.

Der Kitt, der das Startup zusammenhält, ist die Überzeugung, dass das Unternehmen zukunftsfähig sein werde. Dieser Kitt bröckelt.

Gerade beim letzten Punkt werden Startups aber skeptischer. Weniger aus dem Innern heraus, daran lässt sich arbeiten. CareerFoundry etwa bekam die Kurve, indem es „die maximale Freiheit durch traditionelle Top-down-Elemente einschränkte“, also indem die Führung von oben straffer wurde. Wer Gründern aus ihrer Sicht vor allem einen Strich durch die Rechnung macht, ist die deutsche Politik. Laut dem Bitkom sagen nur noch 39 Prozent der Gründer, dass sich in den vergangenen zwei Jahren die Lage für ihr eigenes Startup verbessert hat. Im vergangenen Jahr lag der Wert noch bei 44 Prozent, vor zwei Jahren sogar bei 54 Prozent.

Gründen in der Zukunft: Trotz digitaler Möglichkeiten schwierig

Der Hype um hippe neue Arbeitgeber scheint unter Enthusiasten abzuflauen. Gleichzeitig hat sich der Anteil der Startups, die eine Verschlechterung der eigenen Situation wahrnehmen, verdoppelt, von jeweils 5 Prozent in den vergangenen beiden Jahren auf jetzt 11 Prozent. Drei Viertel (78 Prozent) meinen, die Politik wolle sich nur mit der Startup-Szene schmücken, habe aber gar kein Interesse an den Problemen der Gründer. Rund zwei Drittel (62 Prozent) glauben, dass die meisten im Koalitionsvertrag angekündigten Maßnahmen für Startups am Ende doch nicht umgesetzt werden. Und 8 von 10 Startups stimmen sogar der Aussage zu, dass die deutsche Politik sich in Detailfragen verzettelt und deshalb bei großen Zukunftsthemen wie zum Beispiel Künstliche Intelligenz den Anschluss an die Weltspitze verpasst habe.

„Es fehlt in Deutschland nicht an guten Ideen und Worten, wie Startups zu unterstützen wären, es fehlt an Taten“ Achim Berg, Bitkom-Präsident

„Es fehlt in Deutschland nicht an guten Ideen und Worten, wie Startups zu unterstützen wären, es fehlt an Taten“, resümierte Bitkom-Chef Berg und fordert die Politik auf, Startups bessere Startchancen zu ermöglichen, etwa bei der Finanzierung in der Wachstumsphase. „Wenn Startup-Gründer zum Vorbild werden, sollten wir diese Vorbilder in unsere Schulen und Universitäten holen. Wir müssen dafür sorgen, dass noch mehr junge Menschen den Schritt zum eigenen Startup wagen“, ergänzt Berg bezogen auf die Empfehlung, bei einem Startup anzufangen.

Doch wer will trotz Ideen, Interesse und Leidenschaft für neue Produkte und Services gründen, obwohl und gerade weil digitale Technologien wie Künstliche Intelligenz ganz neue Möglichkeiten eröffnen? Die Zahl der Gründer ist seit Jahren rückläufig, trotz der Aussicht auf attraktive Arbeitsweisen. 2018 waren es rund 547.000 Neugründungen. Im Jahr 2006 lag die Zahl noch bei über einer Million.

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