Wird Wikipedia zur Plattform politischer Diffamierung?

Wikipedia wird als Informationsquelle vertraut – auch wenn es darum geht, sich über politisch aktive Zeitgenossen zu informieren. Doch das Wikipedia-Modell der digitalen Zusammenarbeit liefert keine Garantie gegen politisch motivierte Trolle, wie ein aktueller Fall zeigt.

Der kollaborative Ansatz von Wikipedia hat sehr viel Wissen auf einer einzigen Plattform konzentriert und die Plattform wurde zu einer der größten Anlaufstellen im Web. Als Online-Enzyklopädie prägt Wikipedia seit 2001 die Art wie wir uns informieren, bilden und durch Zusammenarbeit Neues schaffen. Diese Idee könnte jetzt einen Dämpfer bekommen. Ein Vorfall in Großbritannien stellt derzeit die Idee einer globalisierten, kollaborativen und freien Welt auf die Probe. 

Da editiert bei Wikipedia, dem Onlinelexikon, an dem grundsätzlich jeder mitschreiben darf, ein gewisser „Philip Cross“ seit Jahren diverse Artikel. Irgendwann fällt jemandem auf, dass er Einträge immer in eine bestimmte Richtung zu verändern scheint. Der ehemalige Botschafter, Buchautor, Blogger und Menschenrechtsaktivist Craig Murray beginnt zu recherchieren und beschreibt auf seinem Blog einen Fall, der den durch die Digitalisierung geschuldeten gesellschaftlichen Wandel mit der dunklen Seite konfrontiert. 

Dreißig Editierungen pro Tag, sieben Tage die Woche, 14 Jahre lang

Bis Mitte Mai gehen 133.612 Editierungen auf das Konto von „Philip Cross“. In den letzten 14 Jahren „arbeitete“ er täglich, frühmorgens bis spätabends, sieben Tage die Woche, sogar an Weihnachten (siehe Chart unten). In den letzten fünf Jahren gab es keinen einzigen Tag, an dem „Philip Cross“ nicht redigiert hätte. Das ist insbesondere bemerkenswert, da Wikipedia-Redakteure dieser Tätigkeit eigentlich ehrenamtlich nachgehen. 

Quelle: Graig Murray
Die Arbeitszeiten von „Philip Cross“: Jeden Tag von früh bis spät, sieben Tage die Woche. (Quelle: Graig Murray)

Murrays Nachforschungen ergeben, dass sich „Philip Cross“ auf das Redigieren von einerseits Einträgen zu Journalisten konzentriert, die gegen die Mainstream-Medien (MSM) wie BBC oder den Guardian und damit auch gegen staatliche Narrative argumentieren. Andererseits nimmt er sich regelmäßig Einträge von MSM-Redakteuren und konservativen Politikern vor und entfernt kritische Aussagen.

George Galloway arbeitet derzeit als Moderator einer Talk-Sendung. (Foto: YouTube)

Besonders hat es „Philip Cross“ auf George Galloway abgesehen, einen ehemaligen Politiker, der die Labour-Partei seine Heimat nannte, bis diese den Irakkrieg für richtig hielt, er selbst aber nicht. Er ist Israel-kritisch, ein klar linksgerichteter Aktivist und sympathisiert mit dem ebenso linken neuen Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn. Der pseudonymisierte Wikipedia-Autor hat Galloways Eintrag knapp 1.800 Mal veränder

Neben Galloway musste auch John Pilger eines Tages feststellen, dass sein Eintrag verändert und alle seine Auszeichnungen gelöscht worden waren, die er als Dokumentarfilmer und Journalist erhalten hat. Pilger ist Pazifist. Bei Craig Murray verschwanden zeitweise seine Auszeichnungen aus der Zeit, als er als britscher Botschafter arbeitete. Laut Murray will „Philip Cross“ erreichen, dass Wikipedia-Besucher auf Seiten wie denen von Pilger oder Galloway den Eindruck gewinnen, es handele sich um unbedeutende oder nicht vertrauenswürdige Personen, wohingegen dem rechten Flügel zuzuordnende Politiker und MSM-Journalisten ein großes Maß an Vertrauen entgegengebracht werden könne. Galloway ist inzwischen so genervt, dass er auf Twitter zur Enttarnung des Pseudonyms eine Belohnung von 1.000 Pfund ausgesetzt hat.

Wikipedia reagiert verdächtig unaufgeregt

Wer oder was hinter dem Pseudonym „Philip Cross“ steckt, ist derzeit nicht auszumachen. Die Masse an Editierungen lässt zumindest darauf schließen, dass es sich um ein Kollektiv handeln könnte. Andere vermuten einen Bot. Wer ihn/sie/es steuert und bezahlt, auch darüber gehen die Meinungen auseinander. Je nachdem, wen oder was man hinter dem Pseudonym vermutet, könnte daran die britische konservative Regierung beteiligt sein, so vermuten Murray- und Galloway-Unterstützer wie der britische Journalist Neil Clark. Oder Wikipedia selbst. Oder irgendein Geheimdienst. Die Geschichte ist so abenteuerlich, dass alles möglich erscheint. 

Und wie reagiert Wikipedia? Der Enzyklopädie-Gründer Jimmy Wales sah sich vergangene Woche erstmals kritischen Fragen zu „Philip Cross“ ausgesetzt. Seine Reaktion war, nun ja, überraschend. Statt wie erwartet zu antworten, man werde den Fall untersuchen, herrschte er Craig Murray und andere Kritiker an, unterstellte ihnen, Verschwörungstheoretiker zu sein und verlangte Details und Beweise. Selbst als man ihm die Statistiken lieferte – bei Wikipedia lassen sich Einträge nachverfolgen – blieb er abweisend. Der Schlagabtausch findet auf Twitter statt, nachzulesen für Jedermann. 

Bei Wikipedia gibt es einen Eintrag zum Thema „Vandalismus bei Wikipedia“. Danach schädigt ein Autor einen Eintrag, wenn er ihn absichtlich löscht, Textstellen entfernt oder absichtlich verfälscht. Die Empfehlung, wenn ein „Vandale“ wütet: „Sprich ihn freundlich und und bestimmt an“. Wales sieht derzeit dazu keinen Anlass. 

Wie neutral ist Wikipedia? 

An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass Wales ein erklärter Fan des ehemaligen Labour-Chefs und britischen Premierministers Tony Blair ist, gerne gegen dessen Nachfolger Jeremy Corbyn wettert, eine andere Meinung zu Israel als zum Beispiel Galloway unterhält, mit Blairs Sekretärin verheiratet ist und im Aufsichtsrat der Guardian Media Group sitzt. Zusammen mit Guardian-Chefredakteurin Katherine Viner übrigens, deren Wikipedia-Eintrag nach Recherchen von Murray ebenfalls „Philip Cross“ aufpoliert haben soll. 

Das alles wäre nicht so explosiv, würde es sich um einen, sagen wir, regierungsnahen Blog handeln. Aber es ist Wikipedia. Hier informiert sich die Gesellschaft, Schüler und Studenten erkundigen sich nach Größen ihres Fachbereichs, sie vertrauen den Einträgen und nehmen sie für bare Münze. „Philip Cross“ aber bastelt sich mutmaßlich eine eigene Realität, indem er auch Einträge löscht, die regierungskritische Journalisten geschrieben haben mit dem Verweis, es handele sich um nicht-vertrauenswürdige Quellen. So ist es Neil Clark ergangen, der unter anderem sogar für den Guardian schreibt, einer Publikation im Sinne des umtriebigen Wikipedia-Autors. Dennoch hat „Philip Cross“ Artikel-Links auf der Wikipedia-Seite Clarks gelöscht mit dem Argument, die Quelle sei nicht akzeptabel. Clark vertritt eine eher pazifistische Haltung. 

Kollaborative Grundidee in Verruf

Die Haltung von Wikipedia-Gründer Jimmy Wales trägt bislang nicht gerade zur Aufklärung des Falls bei. Sie könnte die Grundidee von Wikipedia in Verruf bringen, dass viele Menschen gemeinsam viel schaffen und sich trotz großer Entfernungen nah sein können – solange sie sich an Regeln halten. Soll sich eine Gesellschaft Neuem wie der Digitalisierung öffnen, muss sie Vertrauen gewinnen. Gerade Wikipedia, das zu den digitalen Pionieren gehört, an dem Menschen sich orientieren und das sich „Freies Wissen“ und eine „mündige Gesellschaft“ auf die Fahne geschrieben hat, war bislang Türöffner für die Akzeptanz neuer Technologien.

„Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise, und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen“, heißt es bei Hesse in „Stufen“. Vielleicht ist es für Wikipedia an der Zeit, sich über neue Kontrollmechanismen Gedanken zu machen, um weiterhin ein Vorbild zu bleiben. 

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