Digitale Technologien: Wo bleibt denn da der Mensch?

Digitalisierung, Ki-Systeme, Roboter – überall mischen neue Technologien das Leben auf. Privat, im Auto, im Smart Home und am Arbeitsplatz offerieren intelligente Helfer ihre Dienste. Denkt dabei vielleicht auch irgendwer mal an uns?

Diese Frage scheinen sich zwei Drittel der Deutschen zu stellen. Laut einer repräsentativen Civey-Umfrage im Auftrag der NEXT Conference 2018 gaben sie an, aktuell nicht den Eindruck zu haben, dass der Fokus bei der Entwicklung digitaler Technologien auf den Bedürfnissen der Menschen liegt. Sie wünschen sich mehr Menschlichkeit und dass alle, die digitale Lösungen für den Alltag und die Arbeit entwickeln, daran denken, damit „das Leben der Menschen zu verbessern“, kommentiert Matthias Schrader, NEXT-Gründer und CEO von SinnerSchrader die Ergebnisse.

Sind denn digitale Technologien nicht genau dafür gemacht?

Moment mal: Sind denn die Technologien nicht genau dafür gemacht? Weniger Stress und Aufwand, der Alltag wird flexibler und langweilige Aufgaben übernimmt eine intelligente Software? Steht denn die Digitalisierung nicht ganz im Zeichen einer viel lebenswerteren Zukunft?

Man muss hier unterscheiden. Technologien, die das Leben erleichtern, werden gerne angenommen und niemand denkt darüber nach, ob das gegen die Menschlichkeit sei, so eine Erkenntnis der Umfrage. Nicht zufällig haben die Umfrageverantwortlichen jedoch auch beim Thema Digitalisierung und Arbeit nachgehakt. Zwar fürchten die wenigsten, durch einen Roboter ersetzt zu werden.

Aber gerade hier treten Mensch und digitale Technologie in direkte Konkurrenz – und hier ist der Ruf nach mehr Menschlichkeit am lautesten. Weil sich der Mensch bedroht fühlt und die Forderung nach mehr Humanismus sich leicht äußern lässt, denn eine Maschine kommt da (noch) nicht nach. Der Mensch rückt dennoch gerade in der Arbeitswelt ein Stück zur Seite, insofern sind die Forderung und das derzeit herrschende Gefühl ganz treffend. Missachtet werden sollten sie nicht.

Denn ohne Menschen geht es nicht. Wenn Unternehmenslenker Digitalisierungsprojekte anstoßen, müssen die Beschäftigten mitziehen. Das erfordert eine entsprechende Unternehmenskultur. Jedes noch so erfolgversprechende Zukunftsgeschäftsmodell wird scheitern, wenn sich die Mitarbeiter querstellen. Menschlichkeit bedeutet in diesem Zusammenhang also nicht, Kollegen nicht durch Software zu ersetzen. Vielmehr sollen digitale Technologien für die Mitarbeiter relevant sein und verständlich sein und nicht wahllos eingesetzt werden.

Zwei Seiten der digitalen Medaille

Man kann Entwicklern und Herstellern von digitalen Lösungen sowie Dienstleistern vorwerfen, aus der Bequemlichkeit der Menschen ein Geschäftsmodell gemacht zu haben. Wenn niemand selbstfahrende Autos kauft, floppt das Konzept. Es liegt eben nicht nur an den digitalen Technologien, die uns in den Augen mancher überrennen. Dieselben Leute, die mehr Menschlichkeit fordern, haben Alexa, Cortana oder Siri längst in den Familienalltag integriert. Einige Dinge nutzen wir bedenkenlos, statt uns selbst und unser menschliche Umfeld in den Vordergrund zu stellen – und agieren so auch im Arbeitsalltag.

Kann man Anbietern digitaler Lösungen vorwerfen, aus der Bequemlichkeit der Menschen ein Geschäftsmodell gemacht zu haben?

Die meisten Befragten der Civey-Umfrage halten ein gesamtgesellschaftliches Umdenken für nötig, damit die Menschlichkeit im digitalen Zeitalter nicht verloren geht. Das müsse bereits im Kindesalter mit digitaler Bildung und Erziehung beginnen, die Gestaltungsmöglichkeiten für eine lebenswerte digitale Zukunft eröffnet. Während die Franzosen gerade elektronische Geräte aus dem Schulalltag entfernen, fordern andere mehr Handys an Schulen. Die Debatte um mehr Menschlichkeit in der Digitalisierung ist richtig – damit neue Technologien überdacht werden. Und damit auch wir uns ständig hinterfragen.

Die in der w&v veröffentlichte, repräsentative Umfrage hat die Civey im Auftrag der NEXT Conference 2018 unter mehr als 5.000 Internetnutzern in Deutschland durchgeführt.

Titelfoto: Daniel Jensen via Unsplash

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