Warum Digitalisierungsprojekte beim Mitarbeiter beginnen müssen

Ob die digitale Transformation im Unternehmen auf dem richtigen Weg ist, kann man nicht an der Anzahl eingesetzter, innovativer Technologien ablesen. Vielmehr hängt es davon ab, ob die Beschäftigten auf die Herausforderungen vorbereitet sind. Aktuell sieht das mangels effektiver Weiterbildungsangebote eher mau aus. 

„Der digitale Wandel wird von Menschen angetrieben – nicht von Technologien. Deshalb sind Digitalisierungsprojekte keine Technologieprojekte, sondern Business-Transformationsprojekte, die das gesamte Unternehmen und seine Kultur betreffen.“ So lautet ein Fazit der „Studie Digitale Transformation 2018“ der Digital-Agentur etventure und des Marktforschungsinstituts GfK. Unternehmen kommen danach nicht umhin, Mitarbeiter in Eigenregie zu fördern und ihnen in einer neuen Unternehmenskultur neue Freiräume zu ermöglichen, um sich weiterzubilden und zu informieren.

Die Mehrheit deutscher Großunternehmen sieht die eigene Mannschaft nur unzureichend auf die Anforderungen der digitalen Transformation vorbereitet. (Bild: etventure)
Die Mehrheit deutscher Großunternehmen sieht die eigene Mannschaft nur unzureichend auf die digitale Transformation vorbereitet. (Bild: etventure)

Denn im Zentrum der Transformation stehen laut der Studie nicht Technologien oder digitale Entwicklungen, sondern Menschen, die mit den neuen Möglichkeiten nicht nur umzugehen wissen, sondern diese kreativ und gewinnbringend einsetzen können. Sie entscheiden über den Erfolg der digitalen Transformation in einem Unternehmen.

Doch genau an diesem Punkt scheint es deutlichen Nachholbedarf zu geben: Nur 38 Prozent der Unternehmen glauben, dass die eigenen Mitarbeiter ausreichend auf die Herausforderungen vorbereitet sind. Rund vier Fünftel der Unternehmen versuchen, mit Schulungen und Weiterbildungsmaßnahmen die Mitarbeiter dafür fit zu machen.

Im zurückliegenden Jahr scheint das mit nur mäßigem Erfolg geglückt zu sein, denn die Zahl der Unternehmen, die ihre eigenen Mitarbeiter für die Transformation ausreichend qualifiziert sehen, ist im Vergleich zum Vorjahr von 42 Prozent auf 38 gefallen. Die so wichtige digitale Kompetenz geht nach Meinung der Arbeitgeber in der eigenen Organisation zurück.

Daher versuchen Unternehmen zusätzlich auf andere Weise die Mitarbeiter zu schulen, etwa mit Ideenwettbewerben (46 Prozent), gezielter Förderung des Engagements – einem so genannten Intrapreneurship (44 Prozent) – oder mit dem Einsatz von temporären Mitarbeitern (26 Prozent) sowie mittels Wissenstransfer durch einen Austausch mit Startups (22 Prozent).

Erlebbare Digitalisierung macht Unternehmen attraktiv

Wie erfolgreich ein Unternehmen die Digitalisierung umsetzen kann, hängt aber vor allem davon ab, wie gut die Mitarbeiter diese Strategie leben könnten, kommentiert Dr. Dorothea von Wichert-Nick, Geschäftsführerin etventure GmbH. „Das gelingt nicht durch die Vermittlung von theoretischem Wissen, sondern vor allem durch ‚Learning by Doing‘.“ Digitalisierung müsse erfassbar und in der Praxis erlebbar werden. Mitarbeiter sollten neue Methoden am besten in anderen Projekten oder vielleicht sogar in anderen Unternehmen oder Startups kennen lernen.

Inzwischen scheint sich die Überzeugung durchzusetzen, dass durch die Digitalisierung unterm Strich die Zahl der Arbeitsplätze nicht abnehmen wird. (Bild: etventure)
Inzwischen scheint sich die Überzeugung durchzusetzen, dass durch die Digitalisierung unterm Strich die Zahl der Arbeitsplätze nicht abnehmen wird. (Bild: etventure)

Die Digitalisierung sorgt bei Unternehmen vor allem für mehr Bedarf nach qualifizierten Fachkräften. Schon heute entwickelt sich der Arbeitsmarkt zugunsten der Kandidaten. Die schnelle technologische Entwicklung sorgt zudem dafür, dass die klassischen Ausbildungswege meist hinter den Entwicklungen hinterherhinken. Eine Mitarbeitergeneration ist daher aufgrund des rasanten Fortschritts gezwungen, sich mehrmals weiterzubilden, wie der US-Forscher James Timbie es zusammenfasst.

Eine gelebte digitale Transformation kann laut etventure-Report auch die Attraktivität des Unternehmens als Arbeitgeber steigern. 51 Prozent der Unternehmen geben an, dass sie dadurch insgesamt 18 Prozent mehr Bewerbungen bekommen und vor allem 22 Prozent mehr Bewerber mit digitalem Knowhow. Auch auf interne Bewerbungen haben digitale Projekte eine Strahlkraft: 23 Prozent mehr an internen Bewerbungen sehen Unternehmen bei neuen Stellen mit digitalem Bezug.

Doch der digitale Wandel dürfe laut den Studienautoren nicht mit der Weiterbildung der Mitarbeiter enden; das haben inzwischen 80 Prozent der Unternehmen erkannt. Sie stufen den Kulturwandel für die digitale Transformation als wichtig oder sehr wichtig ein. Dafür setzen 87 Prozent der Unternehmen beispielsweise auf moderne Kommunikationstools.

Mehr Eigenverantwortlichkeit ist oft nicht mehr als ein guter Firmenvorsatz

Mehr Eigenverantwortlichkeit für die Mitarbeiter schreiben sich immerhin 72 Prozent der Unternehmen auf die Fahne. Jedoch zeige der Report, dass dieser Vorsatz nur bei etwa einem Viertel der Unternehmen auch im Organigramm des Unternehmens ankommt. Nur ein Fünftel der Unternehmen schafft entsprechende (finanzielle) Anreizsysteme. Moderne Arbeitsformen wie Homeoffice oder innovative Bürokonzepte werden heute von rund 65 Prozent der Unternehmen angeboten.

„Fail often, fail fast, fail cheap“

Wie wichtig eine „gute Kultur“ im Unternehmen ist, zeigt auch eine Untersuchung von Gallup. Denn zufriedene Mitarbeiter fungieren nicht nur als Markenbotschafter, sondern ziehen auch häufig die so dringend gesuchten Fachkräfte an.

70 Prozent der Unternehmen lassen laut eigenen Angaben eine Kultur des Scheiterns zu, so eine weitere Statistik der GfK-Studie. Diese kulturelle Neuausrichtung ist die vielleicht wichtigste Umstellung für ein Unternehmen in der digitalen Transformation. Scheitern bedeutet aber nicht, dass die Fehler in einem Bereich gemacht werden sollten, in denen sie eine Außenwirkung entfalten. Vielmehr, so erklärt Dorothea von Wichert-Nick, sollten diese in einem geschützten Raum stattfinden. In den Kernbereich werden dann nur die Projekte übernommen, die sich im „Labor“ bewährt haben. Aus der Welt der Startups kommt das agile Konzept des „Fail often, fail fast, fail cheap“. Die Validierung der Projekte sollten jedoch nicht diejenigen übernehmen, die auch mit der Umsetzung betraut waren, um mit dem Prinzip „Build, Measure, Learn“ eine objektive Distanz zu gewährleisten.

Ein prominentes deutsches Beispiel für diesen Kulturwandel ist die Otto-Gruppe, wo neben einem umfassenden Wissenstransfer durch Startups oder Open-Source-Projekten auch eine umfassende und mitunter unbequeme Kultur des Scheiterns vorangebracht wird.

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