Digital statt tot im Wasser: Wie FinTechs die Finanzbranche das Schwimmen lehren

„If banks aren’t digital, they’re going to be dead in the water“, schreibt Chris Skinner in seinem 2014 erschienenen Werk „Digital Bank“. Darin unterstellt der Finanzexperte seiner Branche provokant erheblichen Nachholbedarf, wenn es um die Digitalisierung geht – zu Recht? Studien zeigen: Die Message ist angekommen.

In kaum einer Branche ist eine stabile IT-Infrastruktur so erfolgsrelevant wie in der Finanzbranche. Dennoch – oder gerade deswegen – galt das Geld- und Kreditgeschäft bis dato als vergleichsweise wenig 4.0-affin. Zu groß scheinen auf den ersten Blick die Hürden, allen voran eine vermeintlich kritische Datensicherheit und Compliance-Bedenken.

Und doch: Der Digitalisierungsdruck ist groß, wenn man nicht – wie von Chris Skinner angemerkt – „tot im Wasser schwimmen“ und hinter dem Wettbewerb ertrinken will. Innovation und Effizienzsteigerung – die wichtigsten Credi der digitalen Ära – sind ohne moderne Technologien und Kommunikationsmittel undenkbar.

Digitalisierung überholt traditionelle Geschäftsmodelle

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Auch die anhaltende Niedrigzinsphase trägt ihren Teil dazu bei, dass Banken in punkto Innovation agieren müssen. Traditionelle Geschäftsmodelle funktionieren heute häufig nicht mehr – der Wettbewerb und die Innovationsgeschwindigkeit sind ihnen sprichwörtlich davon galoppiert. Eine aktuelle Studie der Sopra Steria Consulting kam zu dem Ergebnis, dass 70 Prozent der Banken und Sparkassen in der Bundesrepublik ihr bisheriges Geschäftsmodell für nicht zukunftsfähig halten.

(Quelle: Sopra Steria Consulting)
Auf allen Kanälen anwesend: „Omnichannel“ lautet die Losung der Banken, wenn um ihre künftige Präsenz geht. Neben der Filiale und dem Online-Banking gibt es noch viele Bereiche, die erst am Entstehen sind. (Quelle: Sopra Steria Consulting)

Eine zunehmend digital geprägte Denke trägt diesen Veränderungen Rechnung und soll helfen, die Prozesse zu optimieren. Der Studie zufolge investieren 70 Prozent strategisch in die Verzahnung der Vertriebskanäle, in konkurrenzfähige digitale Produkte und automatisierte Prozesse, um die Kosten zu senken und die eigene Marke markanter gegen den Wettbewerb abzugrenzen.

Erst im Dezember vergangenen Jahres stärkte die Deutsche Bank beispielsweise ihr Innovationsteam mit der Ernennung von Elly Hardwick zur Leiterin Innovation und Philip Milne zum Chief Technology Officer der Innovation Unit. „Die kollaborative Zusammenarbeit mit der Innovations Community ist wichtig für die Deutsche Bank”, erklärte Kim Hammonds, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bank und Group Chief Operating Officer, in der Pressemitteilung des Unternehmens. „Diese Ernennungen werden dazu beitragen, die Einführung neuer Technologien zu beschleunigen, um unsere Kundenservices und interne Prozesse zu verbessern.”

Online Banking erlebt Trust Renaissance

Das Beispiel der Deutschen Bank, dem nach Bilanzsumme und Mitarbeiterzahl größten deutschen Kreditinstitut, belegt: Seit der Finanzkrise hat sich im Selbstverständnis der Banken einiges grundlegend geändert, was sich vor allem in der zunehmenden Digitalisierung der Finanzdienstleistungen niederschlägt.

(Quelle: Sopra Steria Consulting)
Banken haben in Sachen Präsenz im Internet und auf dem Handy einiges nachzuholen, deswegen wird hier am meisten investiert. (Quelle: Sopra Steria Consulting)

Dass der Kunde selbst im Zeitalter 4.0 längst angekommen ist, zeigt der Blick auf die Kontenstruktur: Knapp die Hälfte aller circa 100 Millionen Konten in Deutschland wurde 2016 bereits überwiegend online geführt. Zum Vergleich: 2000 nutzte erst jeder Zehnte die Möglichkeit, seine Bankgeschäfte im Internet abzuwickeln. Galt doch das Netz als düstere und höchst unsichere Materie. Heute sieht man: Während Kundenberater im Zuge der Finanzkrise Vertrauen einbüßen mussten, erfreute sich das Online Banking einer regelrechten „Trust Renaissance“. Publik gewordener Cyberkriminalität – wie dem Ausspähen von Kundendaten durch Phishing-Mails – zum Trotz gab in einer 2014 im Auftrag des deutschen Bankenverbandes erhobenen GfK-Umfrage jeder Zweite an, Online Banking für sicher zu halten.

Digitales Serviceangebot wächst

Mit dem Einzug der digitalen Customer Experience in die Finanzbranche streckt auch das Social Web seine Fühler mittlerweile weit über die klassischen „Mensch-zu-Mensch“-Konnektivitätsdienste hinaus aus – und setzt damit neue Maßstäbe für die Gewohnheiten und Erwartungen der Kunden. Die Finanzinstitute reagieren und erweitern ihr digitales Dienstleistungsportfolio. Zum Online Banking, das längst für mobile Endgeräte verfügbar ist, gesellen sich digitale Bezahlsysteme und interaktive Touchpoints, die Leistungen weiter bündeln, synchronisieren und ortsunabhängig verfügbar machen.

(Quelle: Sopra Steria Consulting)
Der persönliche Dialog mit dem Kunden muss nicht immer in der Filiale stattfinden. Die Kunden sind längst bereit für andere Formen der Kommunikation. (Quelle: Sopra Steria Consulting)

Viele Banken verkleinern ihr Filialnetzwerk nicht zuletzt auch zugunsten des Ausbaus ihrer digitalen Serviceangebote und verlagern den Vertrieb weitestgehend ins World Wide Web. Für die Mitarbeiter bedeutet der Einsatz neuer Technologie eine hohe Anforderung an die IT-Kompetenz – und im Zweifel einen entsprechenden Schulungsbedarf.

FinTechs: Mindset und Vorreiter des digitalen Bankings 

Als Inspiration und Herausforderer für die alten Hasen der Finanzbranche dienen sogenannte „FinTechs“, die seit knapp zehn Jahren den Wettbewerb kräftig aufmischen. Die Definition des Begriffs reichen von „Punkrock der Finanzszene“ bis hin zu „Umsetzern einer neuen Unternehmsphilosophie“. Das Wort – primär ein „Blending“ aus den Begriffen ‚Finanzdienstleistungen‘ und ‚Technologie‘ – bezeichnet, so der weitestgehende Konsens, in erster Linie ein Mindset, das die Notwendigkeit von Digitalisierungsmaßnahmen in der Finanzindustrie erkennt.

Auf der Unternehmensebene meint es Jochen Siegert, COO der traxpay AG in Frankfurt, zufolge Startups, die mittels moderner Technologien neue Produkte oder Produktvariationen in der Finanzdienstleistungsbranche anbieten. Ihre Mitarbeiter tauschen zum Teil hochdotierte Posten gegen die Möglichkeit, etwas Neues zu schaffen und deutschlandweit Innovation voranzutreiben. Sie schaffen anwenderfreundliche Alternativen zu „klassischen“ Finanzprozessen wie Geldüberweisungen und Kreditkartenzahlungen. Weit entfernt von Chris Skinners prognostiziertem Exitus im kühlen Nass also, und ganz im Sinne unserer zunehmend digitalisierten Lebensrealität.

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