Innovation darf keine Insel bleiben

Die Eröffnung von Innovationszentren und unternehmenseigenen Startups ist für viele Unternehmen ein erster wichtiger Schritt auf dem Weg zur digitalen Transformation. Die große Herausforderung besteht darin, aus innovativen Ideen vermarktbare Produkte zu entwickeln und die digitale Innovationskraft in die Wertschöpfung zu überführen. Hierzu müssen Erfolgsmuster digital geprägter Unternehmen aufgenommen und mit den eigenen Stärken kombiniert werden.

Innovation darf keine Insel bleibenDeutsche Unternehmen haben international den Ruf, großen Veränderungen eher konservativ und skeptisch gegenüber zu stehen. Das ist weniger ein Ausdruck von Unentschlossenheit und eher ein kontinuierlicher Fokus auf eigene Stärken. Große Veränderungswellen, wie beispielsweise die Globalisierung, wurden in der Vergangenheit als Chance erkannt und von der deutschen Industrie erfolgreich genutzt.

Die anstehende digitale Transformation folgt demselben Muster. An strategischer Einsicht seitens der Unternehmen fehlt es nicht. Die Bereitschaft zur Weiterentwicklung ist meist vorhanden und das Niveau der Erkenntnisse auf diesem Gebiet beeindruckend. Doch wenn es an die Umsetzung geht, steckt die digitale Transformation vor neuen Herausforderungen, da diese stärkeren Veränderungstrends unterliegt.

Viele Unternehmen beginnen diesen Prozess mit der Eröffnung von eigenen Innovationszentren mit Start-Up Charakter – aus der Erkenntnis heraus, dass digitale Innovation einen eigenen Raum braucht, um sich entfalten zu können. Dort arbeiten Digital Natives nach neuen Methoden zusammen und entwerfen Produkte des Unternehmens und ihre Anwendungsszenarien neu. Doch spätestens nachdem ein Innovationszentrum erste Ideen prototypisch entwickelt hat, stellt sich die Frage zur Integration in die Wertschöpfung.

Schritt für Schritt in die digitale Transformation

Ein erstes Zeichen für diesen Wandel ist der Rückgang der gemeldeten Schadensfälle. Eine Projektion der zur Allianz AG gehörenden AZT Automotive GmbH zeigt, dass wenn die derzeit verfügbaren Assistenzsysteme serienmäßig in allen PKWs eingebaut würden, sich etwa 75 Prozent der Haftpflichtschäden und 65 Prozent der Vollkaskoschäden vermeiden ließen. Experten rechnen damit, dass die Einführung autonomer Fahrzeuge die Schadensfälle um 90 Prozent reduzieren wird.

Der demographische Wandel, neue Geschäftsmodelle im Bereich Mobilität, höheres Umweltbwusstein und veränderte Präferenzen der jüngeren Generation – das Auto verliert die Bedeutung als Statussymbol – werden sich radikal auf die Kraftfahrzeughaltung auswirken.

Allerdings sind gerade Car Sharing und nutzungsabhängige Versicherungspolicen bei der jüngeren Generation im Kommen. Bereits vor vier Jahren ergab eine repräsentative Umfrage des Industrieverbands Bitkom, dass jeder zehnte Autofahrer lieber auf ein Pay-as-you-drive-Modell wechseln würde. Autonome Fahrzeuge werden diesen Trend noch verstärken, denn sie rücken die mit der Mobilität verbundene Dienstleistung in den Mittelpunkt, während der Fahrzeugbesitz an Bedeutung verliert.

Fahrzeugdaten rücken in den Mittelpunkt

Diese Entwicklung hat nicht nur für die Automobilindustrie gravierende Folgen, sondern auch für die gesamte Versicherungsbranche. Immerhin stehen Autoversicherungen für rund 40 Prozent der Umsätze mit Kompositversicherungen, also der Versicherung von Sachwerten. Die flächendeckende Verbreitung vollautonomer Fahrzeuge wird noch einige Jahre dauern, doch der Wandel hat so viel disruptives Potenzial, dass es sich für Versicherer empfiehlt, die digitale Transformation ihrer Geschäftsmodelle zügig anzugehen.

Welche Fragen auf Versicherer zukommen, wird bei genauerer Betrachtung der fünf Zwischenstufen auf dem Weg zum autonomen Fahrzeug deutlich. Diese reichen vom Einsatz unterschiedlich ausgereifter Fahrassistenzsysteme in den Stufen 1 und 2, über Autopilotsysteme mit und ohne Eingriffsmöglichkeit für den Fahrer in den Stufen 3 und 4, bis hin zum vollautonomen Fahrzeug, bei dem menschlicher Eingriff nicht mehr vorgesehen ist.

In allen Phasen ist es zur Klärung versicherungstechnischer Fragen für den Versicherer notwendig zu wissen, was im Fahrzeug passiert. Im Schadensfall ist nur auf diese Weise eindeutig nachvollziehbar, ob der Fahrer selbst einen Unfall verursacht hat oder ob dieser auf eine Fehlfunktion der Hardware, Software oder der äußeren Infrastruktur zurückzuführen ist.

Auf einen begrenzten Umfang solcher Daten können Versicherer heute nur durch den Einbau von Telematik-Boxen im Rahmen von Pay-as-you-Drive-Policen zugreifen. Diese Daten geben Aufschluss über das Fahrverhalten des Versicherten oder erstellen ein Bewegungsprofil, aus dem ersichtlich wird, wie häufig unfallträchtige Regionen durchfahren werden.

Ähnliche Fragen, gemeinsame Antworten

Automobilhersteller generieren zunehmend mehr und aussagekräftigere Betriebsdaten von Fahrzeugen über ihre Connected-Car-Technologien. Versicherer sollten sich den Zugriff auf diese Daten durch eine Kooperation mit den Automobilherstellern sichern.

Doch die Daten allein reichen nicht aus. Um aus ihnen den angestrebten Nutzen zu ziehen, sind einerseits ausgeprägte Analysefähigkeiten nötig, andererseits der direkte Kontakt zu den Versicherten. Beides ist momentan nur in begrenztem Umfang  vorhanden. Allerdings wird es Versicherungs-unternehmen nur so gelingen, auf Basis des Nutzerverhaltens ihrer Kunden, Rückschlüsse auf die notwendigen Komponenten einer neuen Police zu ziehen, die richtigen Anreize zu setzen, diese im direkten Dialog mit den Kunden zu verifizieren und schließlich die Feinheiten abzustimmen.

Mobilität und die damit verbundene Sicherheit sind zwei Bereiche, die sich nicht nur gleichermaßen in einem radikalen Umbruch befinden, sondern auch zusammenhängende Probleme zu lösen haben. Versicherer und Fahrzeughersteller sollten dies zum Anlass für eine intensivere Zusammenarbeit nehmen – im beiderseitigen Interesse. Schließlich sind sowohl der Absatz autonomer Fahrzeuge als auch neue Geschäftsmodelle für künftige Mobilitätskonzepte erst durch die Klärung der Sicherheits- und Haftungsfragen überhaupt möglich.


Über den Autor

Martin Pakendorf ist Director Digital Business bei Cognizant.

 

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