Crowdworking: Lukrative Mikro-Selbständigkeit oder pure Ausbeutung?

Das Erledigen kleinerer Arbeiten am Computer für einen Nebenverdienst ist kein exotisches Phänomen mehr, sondern eine inzwischen weit verbreitete Arbeitsform. Doch Crowdworker sind nach wie vor schlecht bezahlt und haben kaum Rechte. Was hat es mit der Plattform-Arbeit auf sich?

Die Digitalisierung der Arbeit bringt es mit sich, dass es immer mehr kleinteilige Tätigkeiten gibt, die (noch) nicht ohne weiteres automatisiert werden können – also müssen sie von Menschen verrichtet werden. Die Areiten bewegen reichen vom Einfügen von Links oder Bildern in Webseiten über das Bestücken von Online-Shops mit neuen Artikeln bis hin zum Verfassen einfacher Texte. Es sind Tätigkeiten, die meist mit wenigen Mausklicks erledigt werden können, daher der Begriff Clickwork.

Männer sind eher geneigt, Crowdworking zu betreiben als Frauen. (Quelle: BMAS)
Männer sind eher geneigt, mit Crowdworking Geld zu verdienen als Frauen. (Quelle: BMAS)

Unternehmen lagern damit Arbeiten aus, mit denen sich für sogenannte Crowdworker ein kleiner Nebenverdienst bestreiten lässt. Sie registrieren sich bei Crowdworking-, Clickworking- oder Gig-Plattformen (Gig ist Englisch für Gastspiel oder Auftritt) und bieten dort grundsätzlich ihre Arbeitszeit an. Auftraggeber aus der ganzen Welt wiederum inserieren Projekte, die von Crowdworkern erledigt werden können. Immer häufiger kommen auch anspruchsvollere und umfangreiche Tätigkeiten vor, darunter Designarbeiten, Beratungsaufgaben oder Projekte in den Auftragsbüchern der Gig-Economy.

Für den Auftraggeber stellt sich die Plattformarbeit ziemlich attraktiv dar: sie müssen Crowdworker nicht fest anstellen und die Vergütung kann auch niedrig sein, denn irgendwo auf der Welt gibt es immer jemanden, der bereit ist, die ausgeschriebene Arbeit für wenig Geld zu machen. Die temporären Arbeitsaufträge funktionieren nach den Spielregeln der Auftraggeber, der Arbeiter hat wenig zu melden. Doch genau das ist das Problem für die wachsende Zahl derer, die Arbeit auf immer mehr Crowdsourcing-Plattformen suchen.

Laut einer aktuellen Studie des Bundesarbeitsministeriums arbeiten fast 5 Prozent der über 18-Jähringen in Deutschland als Clickworker. Das ist mehr als man erwartet hatte, heißt es aus dem Ministerium, was zeigt, dass dringend die Arbeitsbedingungen für Crowdworker auf die Agenda der Politik und Wirtschaft gehören. Der Crowdworking Monitor des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) ist der erste Bericht einer ganzen Serie, die sich mit dem Thema Crowdworking beschäftigt und auf kontinuierlich erhobene Daten basiert, die an der Hochschule Rhein-Waal ausgewertet werden.

Was Crowdworking so attraktiv macht

Wo liegt der Reiz bei der Arbeit als Clickworker? Die meisten argumentieren, sich etwas zu ihrem Hauptjob dazuverdienen zu wollen und nutzen die Möglichkeit, zuhause arbeiten zu können. Manche begründen ihre Plattformarbeit damit, ihren eigentlichen Job aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben zu können. Und viele weibliche Crowdworker schätzen es, Arbeit und Kinder durch die Flexibilität besser unter einen Hut zu bringen. Ob man ein Projekt annehmen will oder nicht, entscheidet man grundsätzlich selbst und teilt sich die Zeit frei ein. Im Grunde gelten für Crowdworking die gleichen Regeln wie für Freiberufler.

Die Realität sieht allerdings so aus: In den meisten Fällen verdient man schlecht. Zu diesem Ergebnis kommt der Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), eine UN-Sonderorganisation. Für die Studie wurden 3.500 Crowdworker in 75 Ländern befragt, die im Durchschnitt 4,43 US-Dollar pro Stunde verdienen. Das sind keine 4 Euro und damit weniger als die Hälfte des in Deutschland gesetzlich festgelegten Mindestlohns in Höhe von 8,84 Euro. Nur 7 Prozent der befragten Arbeiter aus Deutschland liegen über dieser Mindestvergütung. Noch dazu müssen Crowdworker mit unregelmäßigem Einkommen kalkulieren. Auch die weiteren Ergebnisse repräsentieren nicht gerade die besten Voraussetzungen für einen Traumjob:

  • Durchschnittlich 20 unbezahlte Minuten pro Tag benötigt ein Crowdworker, um Aufgaben zu suchen, Qualifizierungstests zu durchlaufen und Kunden zu recherchieren, um nicht auf Betrüger hereinzufallen.
  • Mehr als die Hälfte der Befragten gaben an, die Menge der angebotenen Aufgaben sei unzureichend, weitere 17 Prozent beklagten, sie fänden oftmals keine gut bezahlten Aufgaben.
  • Über 60 Prozent wollen eigentlich weg vom Clickworking, 41 Prozent suchen aktiv nach einem Job.
  • Lediglich sechs von zehn Befragten hatten eine Kranken– und nur rund ein Drittel verfügte über eine Rentenversicherung.
  • Bei neun von zehn Crowdworkern aus der ILO-Studie kam es schon mal vor, dass der Arbeitgeber das Arbeitsergebnis ablehnte oder nicht zahlte, bei den allermeisten sei die Ablehnung des Arbeitsergebnisses ungerechtfertigt gewesen.

Wachsende Aufmerksamkeit für Crowdworker

Die Arbeitsbedingungen der Plattformarbeiter sind mehr als suboptimal.

Nach all dem ist man geneigt zu sagen: Die Arbeitsbedingungen der Plattformarbeiter sind mehr als suboptimal. Nach wie vor sind gesetzliche Regelungen nicht vorhanden. Es gibt immerhin eine Reihe von Bemühungen, daran etwas zu ändern:

Der Crowdsourcing Code of Conduct ist ein in Deutschland initiiertes Regelwerk für bezahltes Crowdsourcing/Crowdworking, in dem sich „Crowdworking-Plattformen selbst verpflichten, allgemeingültige Leitlinien zu etablieren und so eine Basis für ein vertrauensvolles und faires Miteinander zwischen Plattformbetreibern und Crowdworkern zu schaffen“. Die konkrete Ausgestaltung der 2015 verfassten Vereinbarung ist zwar noch unklar, doch haben Plattformen wie Clickworker, Content.de, Appjobber oder Crowdguru unterschrieben. Seit November 2017 gibt es zusammen mit dem Deutschen Crowdsourcing-Verband eine Schiedsstelle, die Crowdworker nutzen können, um Probleme mit dem Plattformbetreiber zu klären.

Frankfurter Erklärung zu plattformbasierter Arbeit. Die 2016 formulierte Erklärung von Gewerkschaften in ganz Europa – in Deutschland die IG Metall – fordert Mindeststandards für Plattformbeschäftigte, darunter eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 35 bis 40 Stunden sowie ein Mindesteinkommen und die Integration der Arbeiter in soziale Sicherungssysteme. Die Unterzeichner sehen darin eine Empfehlung für Plattformbetreiber, Kunden oder Politiker.

Zusätzlich dazu existieren eine Reihe von Initiativen, mal aus der Perspektive der Arbeiter, mal aus der der Anbieter. Und: Die Plattformen selbst entwickeln sich weiter und erlauben beispielsweise Rating-Optionen für Crowdworker, die ihre Kunden bewerten können. Bisher können meist ausschließlich die Auftraggeber den Arbeiter bewerten. Für die Amazon-Crowdsourcing-Plattform Mechanical Turk beispielsweise gibt es ein Browser-Plugin, das den Arbeitern erlaubt, vor Auftraggebern zu warnen oder welche zu empfehlen.

Wie kann Partizipation gelingen?

Die Seite der Plattformbetreiber hat einige Teilhabeprozesse in Gang gesetzt und zum Beispiel durch die Bewertungsoption in beiden Richtungen für ein bisschen Chancengleichheit gesorgt. Doch auch die Crowdworker selbst haben es ein Stück weit in der Hand, ihre Position zu verbessern.

Ein Stück Chancengleichheit ist, wenn der Crowdworker auch den Auftraggeber bewerten kann.

Eine Analyse von Thomas Gegenhuber, Markus Ellmer und Claudia Scheba von den Universitäten Lüneburg, Salzburg und Linz zeigt, dass es auch anders ginge. Nachdem die Forscher in ihrer von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Studie mehrere Crowdsourcing-Plattformen untersucht haben, schlagen sie den Arbeitern vor, sich zu vernetzen, was zum Beispiel bei Jovoto möglich ist. Auf der Designer-Plattform können sich die Arbeiter gegenseitig Feedback geben und austauschen. Ein weiterer Vorschlag zielt auf eine Art Mitbestimmung in Betriebsratsmanier, was derzeit bei der unübersichtlichen Masse an Klickarbeitern und Plattformen schwierig umzusetzen ist. Denkbar, so die Forscher, seien auch genossenschaftlich organisierte Plattformen, die unter der Selbstverwaltung der Arbeiter stehen.

Crowdworking kann gutgehen. Unternehmen, Plattformbetreiber und Crowdworker müssen aber im Gespräch bleiben und sich zusammen mit der Technologie, der weltweiten Verbreitung und den Aufgabengebieten weiterentwickeln.

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