Digitalisierung – Stand der Dinge 2020

Deutsche Unternehmen zeigen sich selbstkritisch und vergeben sich nur mittelmäßige Noten. Der Digitalverband Bitkom sieht die Corona-Krise als Weckruf und Anlass für ein „jetzt erst recht!“.

In Sachen Digitalisierung kehrt in Deutschland Ernüchterung ein. Nach dem optimistischen Auftakt und den Gehversuchen der letzten Jahre spürt die Industrie langsam die Dimensionen dieser Herausforderung und geht hart mit sich selbst ins Gericht. Laut einer repräsentativen Umfrage des Digitalverbands Bitkom unter 603 Unternehmen aller Branchen wird der Fortschritt der letzten Jahre sehr wohl zur Kenntnis genommen, bewertet wird er aber eher zurückhaltend. 

Wer die Digitalisierung bis jetzt auf die lange Bank geschoben hat, bekommt die Konkurrenz noch härter zu spüren. (Quelle: Bitkom)
Wer die Digitalisierung bis jetzt auf die lange Bank geschoben hat, bekommt die Konkurrenz noch härter zu spüren. (Quelle: Bitkom)

Geschäftsführer und Vorstände vergeben dem Stand des eigenen Unternehmens im Durchschnitt nur die Schulnote „befriedigend“, Mittelständler mit 100 bis 499 Mitarbeitern sogar lediglich ein „ausreichend“. Auch im internationalen Vergleich sehen sich deutsche Unternehmen gegenüber Ländern wie USA und China im Nachteil. Nur noch 22 Prozent wollen ihr Unternehmen zur Spitzengruppe zählen, ein deutlicher Abfall im Vergleich zu den 26 Prozent vom letzten Jahr. Für jeden zweiten Befragten steht Deutschland in puncto Digitalisierung im Mittelfeld, für jeden fünften ist es ein Nachzügler.

Ein Weckruf

„Die Corona-Krise hat uns die Bedeutung digitaler Technologien für Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft sehr klar vor Augen geführt“, kommentiert Bitkom-Präsident Achim Berg. Die Krise sei ein Weckruf, die Digitalisierung nun massiv voranzutreiben. „Wir haben uns in der Vergangenheit zu viel Zeit bei der Digitalisierung gelassen. Das Motto des ,Weiter so‘ gilt nicht mehr. Jetzt heißt es, digitale Infrastruktur aufzubauen, Geschäftsprozesse umfassend zu digitalisieren und neue, digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln.“

An der grundsätzlichen Sicht auf die Digitalisierung änderte sich indes nichts. Neun von zehn Unternehmen betrachten die Digitale Transformation der Wirtschaft weiterhin als Chance, obgleich jedes dritte Probleme bei der Bewältigung dieser Aufgabe zugeben muss. Die Resultate der Arbeit der ersten Phase sind allerdings bereits fassbar: Sechs von zehn Firmen bringen neue digitale Produkte heraus, 75 Prozent) passen bestehende Produkte oder Dienstleistungen an, 49 Prozent nehmen veraltete Produkte oder Dienstleistungen vom Markt.

Planlos in die Zukunft

"Je länger man bei der Digitalisierung zögert, umso schwieriger wird es, den Vorsprung der anderen aufzuholen", sagt Bitkom-Präsident Achim Berg.
„Je länger man bei der Digitalisierung zögert, umso schwieriger wird es, den Vorsprung der anderen aufzuholen“, sagt Bitkom-Präsident Achim Berg.

Wer die Digitalisierung bis jetzt auf die lange Bank geschoben hat, hat jedoch Nachteile zu befürchten, denn die Konkurrenz hat alles andere als geschlafen. So sagen 6 von 10 Unternehmen, dass Wettbewerber aus der Internet- und IT-Branche bzw. aus anderen fremden Branchen in ihren Markt drängen. Zugleich gibt rund jedes zweite Unternehmen an, dass Konkurrenten aus der eigenen Branche, die frühzeitig auf Digitalisierung gesetzt haben, ihnen nun voraus seien. Vor einem Jahr sahen das erst 42 Prozent so, vor zwei Jahren sogar nur 37 Prozent. „Digitalisierung entwickelt sich exponentiell. Je länger man bei der Digitalisierung zögert, umso schwieriger wird es, den Vorsprung der anderen aufzuholen. Deshalb gilt jetzt: Nicht im Analogen verharren, sondern so schnell wie möglich die Digitalisierung selbst vorantreiben“, sagt Achim Berg.formuliert

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Der Anteil der Unternehmen, die die Digitalisierung strategisch angehen, steigt dabei weiter. So haben inzwischen mehr als drei von vier Firmen eine Digitalstrategie entwickelt, 39 Prozent verfügen über Strategien in einzelnen Unternehmensbereichen, 38 Prozent sogar über eine zentrale Digitalstrategie. Allerdings verzichtet immer noch rund jedes fünfte Unternehmen (22 Prozent) auf eine Digitalstrategie. Während alle Großunternehmen mit mehr als 2.000 Beschäftigten eine Strategie haben, liegt im klassischen Mittelstand (100 bis 499 Mitarbeiter) der Anteil der Firmen, die noch keine Strategie haben, bei stolzen 18 Prozent. 

„Wer nicht einmal für Teile seines Unternehmens eine Digitalstrategie aufgestellt hat, muss sich schon fragen lassen, ob er seine Existenz mutwillig aufs Spiel setzen will“, so Berg. „Beunruhigend ist, dass zu viele kleine und mittlere Unternehmen, die das Rückgrat unserer Wirtschaft gerade in Krisenzeiten bilden, bei der Digitalisierung auf Sicht fahren. Jedes Unternehmen muss jetzt eine Digitalstrategie entwickeln – und diese dann auch konsequent umsetzen.“

Digitale Geschäftsmodelle? Fehlanzeige!

Auch was digitale Geschäftsmodelle betrifft, gibt es Grund zur Beunruhigung. Nur jedes vierte Unternehmen (24 Prozent) hat zu Jahresanfang geplant, gezielt in deren Entwicklung zu investieren, 14 Prozent haben sogar noch nie dafür Geld in die Hand genommen. „Digitalisierung ist nicht zum Nulltarif zu bekommen und die Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle kostet zunächst einmal Geld. Für viele Unternehmen dürfte es sich dabei aber um die bedeutendste Zukunftsinvestition handeln“, sagt Berg.

Bei der Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle gibt es ein deutliches Gefälle zwischen Großunternehmen und dem Rest der Industrie. (Quelle: Bitkom)
Bei der Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle gibt es ein deutliches Gefälle zwischen Großunternehmen und dem Rest der Industrie. (Quelle: Bitkom)

Zu den drei größten Hürden beim Einsatz neuer Technologien gehören nach Ansicht der Befragten die Anforderungen an den Datenschutz (79 Prozent) und an die technische Sicherheit (63 Prozent) sowie fehlende Fachkräfte (55 Prozent). Mit deutlichem Abstand folgen Zeitmangel im Alltagsgeschäft (33 Prozent), fehlende finanzielle Mittel (25 Prozent) und das Fehlen marktfähiger Lösungen (18 Prozent). 

„Wir müssen jetzt schon an die Zeit nach der Corona-Krise denken und überall die Weichen in Richtung Digitalisierung stellen“, mahnt Berg. „Wir können aktuell sehr schön sehen, dass stärker digitalisierte Unternehmen und die Digitalwirtschaft sehr viel mehr sind als ein Wachstumsmotor. In Krisenzeiten sind sie weniger anfällig, sie stabilisieren die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt.“ Die Unternehmen seien gefordert, trotz aller Herausforderungen durch die konkreten Auswirkungen des Lockdowns die eigene Digitalisierung voranzutreiben. „Aber auch die Politik braucht für die Zeit nach Corona eine Strategie, um die Wirtschaft wieder hochzufahren. Ihre Basis ist das Digitale.“

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