Digitalisierung: Deutschland tritt auf der Stelle

Um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können, scheint eine schnelle Umsetzung der digitalen Transformation geboten. Doch genau diese Geschwindigkeit scheint in Deutschland ein Problem zu sein.

Die Digitalisierung in Deutschland stagniert bestenfalls und ist in einigen Bereichen sogar rückläufig. Das sind an sich keine guten Nachrichten. Allerdings hat sich in den zurückliegenden Jahren bereits einiges getan. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, deutsche Unternehmen legen eine kleine Atempause ein.

Die Mehrzahl deutscher Unternehmen scheint bei der Digitalisierung gut bis ausreichend aufgestellt. (Bild: BMWi)
Die Mehrzahl deutscher Unternehmen scheint bei der Digitalisierung gut bis ausreichend aufgestellt. (Bild: BMWi)

Immerhin, wie der Monitoring-Report „Wirtschaft Digital“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) zeigt, steigt zumindest der Anteil der Unternehmen, die die Digitalisierung als wichtig oder sehr wichtig einstufen. Im Vergleich zur Vorjahresstudie klettert der Wert um 10 Punkte auf jetzt 46 Prozent.

Die digitale Kommunikation mit Kunden und Partnern ist eine Schlüsselkomponente der Digitalisierung (Quelle: BMWi)
Die digitale Kommunikation mit Kunden und Partnern ist eine Schlüsselkomponente der Digitalisierung (Quelle: BMWi)

Auch der Einfluss der Digitalisierung auf den Erfolg des eigenen Unternehmens wird deutlich stärker wahrgenommen als noch vor einem Jahr, als etwa ein Viertel der Unternehmen diesen Einfluss als stark beziehungsweise sehr stark angegeben haben. 2018 hegt ein Drittel diese Selbsteinschätzung.

Trotz dieser Steigerung aber scheinen deutsche Unternehmen bei der Digitalisierung auf der Stelle zu treten. Der Anteil der Firmen, die mehr als 60 Prozent mit digital geprägten Produkten oder Dienstleistungen erwirtschaften, steigt im Vergleich zum Vorjahr lediglich um einen Punkt auf 37 Prozent und bleibt damit nahezu unverändert. Das gleiche Bild zeigt sich bei den Unternehmen, die sich selbst als sehr oder äußerst hoch digitalisiert bezeichnen. Auch hier steigt der Anteil um nur einen Punkt auf 25 Prozent.

Rückläufig ist dagegen die Quote der Unternehmen, bei denen mehr als die Hälfte der Mitarbeiter digitale Dienste für die Arbeit nutzt. Damit sind unter anderem Cloud-Services, Messenger oder auch Big-Data-Anwendungen gemeint. Um fünf Punkte fällt dieser Wert auf 25 Prozent. Und ein Minus von 4 Prozent gibt es bei den Unternehmen, die selbst mit dem Stand der Digitalisierung zufrieden sind. Dieser Wert fällt auf 37 Prozent. Die Studienautoren machen besonders hier einen deutlichen Handlungsbedarf bei den Unternehmen aus.

„Wir müssen schneller und einfacher werden, um mitzuhalten“

„In der deutschen Industrie sind im letzten Jahr die Investitionen in Digitalisierungsprojekte deutlich gestiegen. In der konkreten Umsetzung ganz neuer Geschäftsmodelle stehen wir aber noch eher am Anfang“, kommentiert Martin Hölz, CIO der thyssenkrupp AG, die Ergebnisse der Studie. Stefan Beck, CIO der BASF Group, warnt dagegen anlässlich der Zahlen: „Die Welt um uns herum schreitet bei der Digitalisierung voran. Wir müssen in Deutschland schneller und einfacher werden, um mithalten zu können.“

„Bei der Umsetzung neuer Geschäftsmodelle steht Deutschland noch eher am Anfang.“ Martin Hölz, CIO, thyssenkrupp AG

Doch dieses Bild zeichnet sich nicht über alle Branchen hinweg gleichermaßen: Es gibt auch digitale Vorreiter, die einen hohen Digitalisierungsgrad mit einem Indexwert von durchschnittlich zwischen 100 (maximal digitalisiert) und 81 Punkten erreichen. Knapp 90 Prozent dieser Vorreiter sind sehr kleine Unternehmen mit bis zu 9 Mitarbeitern, 90 Prozent dieser Vorreiter sind im Dienstleistungsbereich tätig. Lediglich 5 Prozent der Unternehmen in der Industrie und weniger als 1 Prozent der Großunternehmen sehen sich aktuell als Digitalisierungsvorreiter.

Bei der Gruppe der „digital Fortgeschrittenen“ (Indexwert zwischen 61 und 81 Punkten) sind etwa ein Drittel aller Unternehmen vertreten, ebenso im digitalen Mittelfeld (41 bis 60 Punkte). 19 Prozent der Unternehmen stufen sich selbst als digitale Anfänger ein (21 bis 40 Punkte). 8 Prozent der Unternehmen scheinen bislang von der Digitalisierung überhaupt nichts mitbekommen zu haben. 12 Prozent der Industrieunternehmen aber nur 7 Prozent der Dienstleister fallen in diese Kategorie.

Cloud Computing und das Internet der Dinge sind die technologischen Säulen der Digitalisierung in Deutschland (Quelle: BMWi)
Cloud Computing und das Internet der Dinge sind die technologischen Säulen der Digitalisierung in Deutschland (Quelle: BMWi)

Die wichtigsten Hemmnisse

Doch was sind laut den Unternehmen die wichtigsten Hindernisse bei der Digitalisierung? Als wichtigsten äußeren Faktor geben die Unternehmen überwiegend den mangelnden Breitbandausbau an. 61 Prozent der Unternehmen formulieren die Forderung an die Politik.

Der schleppende Breitbandausbau macht sich bei der Digitalisierung äußerst negativ bemerkbar. (Quelle: BMWi)
Der schleppende Breitbandausbau macht sich bei der Digitalisierung äußerst negativ bemerkbar. (Quelle: BMWi)

Entsprechend geben 43 Prozent der Unternehmen fehlende Breitbandverbindungen als wichtigstes Hindernis an. Der hohe Zeitaufwand schreckt 40 Prozent der Unternehmen ab. Fachkräftemangel ist für 30 Prozent ein Thema und mangelndes Wissen der Mitarbeiter stehe – Mehrfachnennungen waren hier möglich – bei 36 Prozent der Unternehmen einer schnellen Digitalisierung im Weg. 30 Prozent beklagt fehlende IT-Fachkräfte.

Ein Viertel der Unternehmen sieht die Digitalisierung daher von vornherein als überflüssig. Bei etwa einem Fünftel der Unternehmen existiere keine Einbindung in die Unternehmensstrategie und bei 16 Prozent gibt es derzeit keine klaren Zuständigkeiten.

Jedes fünfte Unternehmen hält die Digitalisierung für überflüssig.

Eine Studie der Digitalisierungsagentur etventure sieht ebenfalls in den letzten Monaten eine schleppende Umsetzung der Digitalisierung und auch diese Studie stellt die Frage nach dem Warum. etventure dagegen sieht nicht den verbesserungswürdigen Breitbandausbau, sondern die Tatsache von Verharrungskräften im Unternehmen als wichtigste Hemmschwelle. Diesem Bewahrertum im Unternehmen sind offenbar nicht einmal die Vorstandsebene oder die Geschäftsführung gewachsen. Zwar komme das Thema in den obersten Führungsriegen der Unternehmen an, dennoch entwickle sich die Digitalisierung sehr langsam.

Inzwischen ist diese Frage auch schon in der Trainingsbranche angekommen, wie etwa die Anbieterin Sabine Wolff im Gespräch mit Business User erklärt. „Wir sehen in den letzten Monaten verstärkt Nachfrage nach Schulungen im Bereich Digitalisierung“, erklärt die selbständige Trainerin. Dabei hätten Unternehmen sehr unterschiedliche Anforderungen. „Mitarbeiter, die sehr lange in traditionellen Mustern gearbeitet haben, brauchen für das Umsetzen von agilen Methoden Zeit.“

Hoffnungsträger Künstliche Intelligenz

Auch wenn derzeit nur sehr wenige Unternehmen aktiv mit Künstlicher Intelligenz experimentieren oder diese einsetzen, misst der Trendreport Digital des BMWi, der mit Unterstützung des Marktforschungsinstitut Kantar TNS und dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) erstellt wurde, dem Thema eine große Bedeutung bei. Auch diese Studie kann auf die Frage, ob durch KI Arbeitsplätze geschaffen werden oder vernichtet werden, nicht eindeutig beantworten. 41 Prozent der Unternehmen glauben, dass dadurch in den nächsten Jahren weniger Mitarbeiter gebraucht würden. 35 Prozent dagegen gehen davon aus, dass der Bedarf steigen wird. 59 Prozent der Unternehmen glauben, dass das eigene Geschäftsmodell auch mit Künstlicher Intelligenz funktionieren wird, 26 Prozent dagegen sehen in dieser Technologie eine Bedrohung für das eigene Geschäftsmodell.

In der ITK ist der Einsatz von KI derzeit am stärksten verbreitet. (Bild: BMWi)
In der ITK ist der Einsatz von KI derzeit am stärksten verbreitet. (Bild: BMWi)

„Künstliche Intelligenz wird großen Einfluss auf den Wirtschaftsstandort Deutschland haben – und auf ganz Europa. Um auch weiterhin ganzheitlich Schutz für Verbraucher gewähren zu können, müssen sicherheitstechnische Standards gesetzt werden“, davon ist Ulf Theike, Geschäftsführer bei TÜV Nord Systems überzeugt. Doch das ist aktuell noch Zukunftsmusik.

Im Branchendurchschnitt setzen derzeit nur 5 Prozent der Unternehmen KI ein. 2 Prozent planen den Einsatz. Für viele dürfte momentan noch völlig unklar sein, wie sich diese Technologie im eigenen Unternehmen einsetzen lässt. Aus Branchenkreisen ist zu vernehmen, dass es meist Projekte rund um Bilderkennung sind.

Aber auch automatisierte Aktenverarbeitung und andere Bereiche sind als Wirkungsstätte für KI vorstellbar. Spitzenreiter beim KI-Einsatz sind derzeit Unternehmen aus dem ITK-Sektor mit 16 Prozent. Chemie und Pharma, Finanz- und Versicherung, wie auch Energie- und Wasserversorgung belegen jeweils 8 Prozent.

Aus Sicht der Unternehmen sprechen Datenschutzbedenken (64 Prozent) Sicherheitsprobleme (55 Prozent), die Nachvollziehbarkeit der Resultate (54 Prozent) und die hohen Einstiegskosten wie eine unausgereifte Technologie (jeweils 54 Prozent) gegen einen Einsatz.

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