100 Jahre „Tag der Arbeit“: Die Diskussion um die moderne Arbeitswelt ist ebenso alt wie aktuell

Wie die Arbeitswelt von heute und morgen aussieht, haben Ökonomen und Vordenker, aber auch Science Fiction-Autoren schon vor Jahren mit erstaunlicher Klarheit beschrieben. Ihre Forderungen und Vorstellungen von damals sind heute mehr als aktuell.

Wohin sich die Zukunft der Arbeitswelt mit Themen wie Digitalisierung und Automation, aber auch Selbstverwirklichung und Mitgestaltung entwickelt, darüber wird nicht erst seit dem inflationären Begriff der digitalen Transformation diskutiert. Präzise Visionen dazu gab es schon vor vielen Jahren. So wie jetzt mögliche Szenarien für die Zukunft gezeichnet werden, beschäftigten sich auch schon früher Philosophen, Wirtschaftswissenschaftler und andere Experten damit. Am Beispiel von Arbeitszeit, Weiterbildung, Beschäftigungsstrukturen und Zusammenarbeit haben wir mal in den Archiven gegraben.

Arbeitszeit: Mehr oder weniger?

1930 hatte der britische Ökonom John Maynard Keynes die Version von der 15-Stunden-Woche. Keynes sagte damals, dass durch technischen Fortschritt und immer höhere Produktivität die Menschen im Jahr 2030 weniger arbeiten müssten/könnten. 15 Stunden pro Woche oder drei Stunden am Tag seien dank steigendem Vermögen für die Befriedigung der Lebensverhältnisse ausreichend.

Derzeit arbeiten wir 40 Stunden pro Woche, obwohl es darauf hinausläuft, dass viele Tätigkeiten in Zukunft durch digitale Technologien und Automationslösungen wegfallen werden. Bei einigen Aufgaben sind Software und Roboter, Künstliche Intelligenz und smarte Maschinen schon heute besser und werden von Unternehmen zur Erledigung bevorzugt. Immer deutlicher wird auch, dass 8 Stunden Arbeit nicht auch 8 Stunden Produktivität bedeuten. Die Idee von der 4-Stunden-Arbeitswoche, die Tim Ferriss in seinem gleichnamigen Buch beschreibt, geht in diese Richtung und auch die Idee vom völlig selbstbestimmten Arbeitstag, wie ihn Göteborg in einem Kunstprojekt ausgeschrieben hat.

Dass Produktivität und reine Arbeitszeit also nicht notwendigerweise zusammenhängen, dafür mehren sich die Beispiele. Und doch sieht es etwa Jack Ma, Gründer von Alibaba und damit eines der größten Technologieunternehmen in China, mit einigen seiner chinesischen Kollegen aus der Tech-Branche ganz anders: Sie führen dieBewegung für eine 72-Stunden-Woche an und propagieren „996“. Die Abkürzung steht für einen Arbeitstag von morgens 9 Uhr bis abends 21 Uhr, an sechs Tagen die Woche. Die viele Arbeit sei „ein Segen“ sagte Ma. Mehr Arbeit, mehr Erfolg, könnte man seine Ansicht zusammenfassen.

Arbeitszeit ist auch fast 100 Jahre nach Maynard Keynes ein hart umkämpftes Thema, zumal immer mehr Menschen auch am Feiertag arbeiten. Als Reaktion dazu hat Frankreich beispielsweise 2017 ein „Recht aufs Ausklinken“ gesetzlich festgeschrieben, wonach Arbeitende nach Büroschluss auf E-Mails oder Anrufe nicht mehr reagieren müssen.

Lebenslanges Lernen: Um nicht aus der Mode zu kommen

„Unsere Vorfahren hielten sich an den Unterricht, den sie in ihrer Jugend empfangen, wir aber müssen jetzt alle fünf Jahre umlernen, wenn wir nicht ganz aus der Mode kommen wollen“, so Johann Wolfgang von Goethe 1808 in den „Wahlverwandtschaften“.

Goethes Erkenntnis ist aktueller denn je, auch wenn sie sich damals nicht unmittelbar auf die Arbeit bezog. Doch  sie betrifft auch die Frage, was mit der gewonnenen Zeit passieren soll. Wenn sich die Arbeitswelt derart radikal verändert, kommen weder Unternehmen noch Beschäftigte umhin, sich mit den Veränderungen auseinanderzusetzen. Lebenslanges Lernen ist aktuell ein gängiges und notwendiges Mantra, sowohl für Unternehmen, die Weiterbildungsangebote machen müssen, als auch für Arbeitende, die dazu bereit sein müssen.

Lebenslanges Lernen ist zudem Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins und Selbstverwirklichung, wie sie New-Work-Guru Fritjof Bergmann versteht. Er will, dass Menschen sich fragen, was sie „wirklich, wirklich wollen“ und ist sehr unglücklich damit, dass sein „New Work“-Ansatz zum Buzzword verkommt und ausschließlich – und fälschlicherweise – für die Arbeitswelt gelten soll. Dennoch hat lebenslanges Lernen, haben Weiterbildungsangebote mittlerweile einen festen Platz in der Arbeitswelt, wenn auch noch ausbaufähig.

Collaboration: Der Traum vom In-Verbindung-bleiben

Wer den Film Minority Report aus dem Jahr 2002 gesehen hat, der erinnert sich: Tom Cruise alias John Anderton schiebt Objekte auf einem schwebenden Bildschirm durch die Gegend. Die Idee versuchte unter anderem John Underkoffler Realität werden zu lassen. Underkoffler, selbst Medienwissenschaftler, ist der Mann, der 2008 zusammen mit dem deutschen Architekten und Tino Schädler die Arbeitswelt revolutionieren wollte: Die beiden planten einen Prototypen in Form einer Virtual-Reality-Kapsel, in der Menschen zusammenarbeiteten, die nicht im gleichen Raum sitzen. In einem Artikel sagte Schädler damals: „Viele träumen von einem Szenario, in dem wir von einem abgelegenen Haus auf dem Lande aus arbeiten können oder besser mit dem Büro in Verbindung bleiben, wenn wir reisen“.

Heute sind Collaboration-Tools allgegenwärtig, auch wenn die Sache mit der Arbeit „auf dem Land“ oft scheitert. Daran schuld sind aber weniger die Tools, sondern die Internetverbindung. Der Journalist und Autor Markus Albers ordnete das Konzept unter anderem so ein: Festangestellte können und müssen zunehmend so mobil und flexibel sein wie bislang nur Freiberufler. Damit benannte er ein weiteres Thema, das nicht erst seit gestern diskutiert wird.

Selbstständige und Auftragsarbeiter: Die Ökonomisierung der eigenen Arbeitskraft

1998 und damit immerhin schon vor gut 20 Jahren schrieben die Soziologen Günter Voß und Hans Pongratz einen Aufsatz mit dem Thema „Der Arbeitskraftunternehmer: Eine neue Grundform der Ware Arbeitskraft“. Man mag sich an dem Begriff „Ware“ reiben, doch sie skizzierten damals neue Arbeitsformen, die heute unter Begriffen wie Clickworker oder Projektarbeiter oder Freelancer subsumiert werden. Den Arbeitskraftunternehmer kennzeichnete danach eine erweiterte Selbstkontrolle, der Zwang zur verstärkten Ökonomisierung der eigenen Arbeitsfähigkeiten und -leistungen und eine Verbetrieblichung der alltäglichen Lebensführung.

1978, nochmals zwanzig Jahr zuvor, brachte der Unternehmer, Erfinder und Entrepreneur Gifford Pinchot den Begriff Intrapreneur ein. „Für den Mitarbeiter eines Unternehmens bedeutet Intrapreneurship eigenverantwortliches Handeln, wie ein Unternehmer zu denken und die in einem weiten Rahmen selbst gesetzten Zielen engagiert zu verfolgen. Voraussetzung dafür sind Kreativität, Ideenreichtum, Kostenbewusstsein, die Fähigkeit, Rückschläge zu verkraften, ein Mindestmaß an unternehmerischem Talent und nicht zuletzt Teamfähigkeit.“

Kommt einem bekannt vor. Unternehmen wünschen sich von Mitarbeitern mehr Eigeninitiative, Mitarbeiter selbst wollen das auch. Sie bilden agile Teams, in denen sich Kollegen eigenverantwortlich Aufgaben stellen und umsetzen. Unternehmen vergeben Aufträge an Freiberufler und buchen Services bei Freelancer-Kollektiven, um niemanden für nur ein Projekt einstellen zu müssen.

In einer aktuellen Studie wurde die veränderte Beschäftigungsstruktur für die Zukunft erläutert: Zukünftig werden immer mehr Arbeitsbiografien von einem Wechsel zwischen verschiedenen Arbeitsformen geprägt sein und wir sind mit einem steigenden Anteil Selbständiger sowie zunehmend globalisierten Arbeitsbiografien konfrontiert. Die von Pinchot geforderten Fähigkeiten dürften dabei von Vorteil sein.

Der Maifeiertag, erstmalig 1919 zum (ursprünglich einmaligen) gesetzlichen Feiertag erklärt, ist ein ziemlich zäher Hund, schrieb jüngst der SZ-Kolumnist Heribert Prantl. Mit „zäh“ dürften auch einige Vordenker die Entwicklungen der modernen Arbeitswelt beschreiben.

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