„Recht auf Homeoffice“: Für Firmen eine Pflicht, sich mit der modernen Arbeitswelt zu beschäftigen

Immer noch tun sich viele Arbeitgeber schwer, ihren Beschäftigten flexible Arbeitszeiten und -orte zuzugestehen – trotz unzähliger Studien, die belegen, dass mobile Arbeit produktiver und zufriedener macht. Ein „Recht auf Homeoffice“ könnte bewirken, dass Arbeitgeber ihre Meinung überdenken.

Gemäß dem Koalitionsvertrag wollen Union und SPD mit einem neuen Gesetz dafür sorgen, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitgeber leichter ihren Wunsch nach flexibler Arbeit in die Realität umsetzen können. „Wir wollen mobile Arbeit fördern und erleichtern“, heißt es dort. Ein rechtlicher Rahmen soll nun geschaffen werden, der auch einen „Auskunftsanspruch der Arbeitnehmer über die Entscheidungsgründe der Ablehnung“ beinhaltet. Ein grundsätzlicher Rechtsanspruch auf „Telearbeit“ ist das zwar nicht, doch können Unternehmen künftig nicht einfach „Nein“ sagen.

Triftige Gründe, die gegen Homeoffice sprechen, gibt es immer weniger.

Der SPD-Staatsekretär im Arbeitsministerium, Björn Böhning, will das Versprechen laut einem Bericht des Spiegel jetzt angehen. Mit einem „Recht auf Homeoffice“ sollen Unternehmen gezwungen sein darzulegen, warum sie die Arbeit von Zuhause ablehnen. Das dürfte ihnen zwar ohnehin zunehmend schwer fallen, denn digitale Technologien, mehr Jobs in Städten ohne bezahlbaren Wohnraum, Pendlerwahnsinn oder der Ruf nach besserer Vereinbarkeit von Familie und Beruf erhöhen den Druck, sich damit auseinanderzusetzen. Bislang sind aber vor allem die Beschäftigten die Leid tragenden, weil Arbeitgeber aus Angst vor einem Kontrollverlust ihre Mitarbeiter lieber im Büro sehen wollen. Im D21-Digital-Index 2017/18 heißt es: „Mobiles Arbeiten ist bei den Berufstätigen in Deutschland noch die Ausnahme, hauptsächlich weil es im jeweiligen Beruf oder Unternehmen nicht möglich ist“. So haben sich 26 Prozent der Befragten geäußert.

Mit Großraum und Präsenzpflicht vergraulen Unternehmen ihre Mitarbeiter

Dabei haben Studien längst belegt, dass flexible Arbeit produktiver und Mitarbeiter zufriedener – und Unternehmen erfolgreicher macht: Homeoffice ausdrücklich erwünscht, aber freiwillig, ist beispielsweise bei SAP. Fachkräfte sagen Jobs eher zu, wenn sie dafür nicht umziehen müssen, sondern von daheim arbeiten dürfen. Und dezentrale, diverse Teams, vernetzt durch Videokonferenzen, Chats und cloudbasierte Projektmanagement-Tools bringen Projekte schnell voran. Natürlich ist das nicht bei allen Berufsgruppen möglich, Handwerkern beispielsweise bringt das wenig. Vielen andere aber schon, deren Arbeit sich vom Laptop und Smartphone aus erledigen lässt. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) könnten 40 Prozent der Beschäftigten in Deutschland von Zuhause aus arbeiten. Jeder Dritte würde das auch gern.

Stattdessen quetschen Unternehmen aus Kostengründen immer mehr Beschäftigte in verdichtete Großraumbüros und sorgen so für unzufriedene, unproduktive Mitarbeiter, die häufiger krank und gestresst sind. Das ist kontraproduktiv und weckt noch mehr den Wunsch, dem internen Arbeitsplatz fernzubleiben. Es wäre an der Zeit, ansprechende Büros zu kreieren, damit Mitarbeiter die Option „Büro“ nicht von vornherein ausschließen möchten. Denn auch wenn die Arbeit außerhalb der Firmenwände an Attraktivität gewinnt, der Plausch im Flur unter Kollegen oder das Team-Meeting im modernen Meetingraum sind wichtige Momente im Arbeitsalltag.

Mehr Mut zur Transformation schließt das Vertrauen zu Homeworkern ein

Führungskräfte und die Digitalstrategie, zu der auch mobiles Arbeiten gehört, das ist eine ganz besondere Beziehung. Oft kann man ihnen nicht einmal anlasten, aktiv gegen Homeoffice zu sein. Was man manchen aber schon streckenweise vorwerfen kann: Sie beschäftigen sich zu wenig damit. Zwar spielt auch ihre knappe Arbeitszeit eine Rolle, doch manchmal ducken sie sich auch vor der Verantwortung weg, die digitale Transformation in Angriff zu nehmen. Sie anzupacken ist anstrengend, aber das ist kein Grund und vor allem im Wettbewerb gefährlich es bleiben zu lassen. Selbst das arbeitgebernahe ifaa-Institut sah sich jüngst genötigt, für die Digitalisierung eine Lanze zu brechen und die Möglichkeiten zur flexiblen Arbeitsgestaltung zu loben.

Führungskräfte und die Digitalstrategie — Liebe sieht anders aus

Arbeitgeber aber bleiben skeptisch hinsichtlich des Rechtsanspruchs, wie auch immer ausgestaltet. Gegenüber der FAZ sagte der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands, Steffen Kampeter, dass sich gerade Arbeitgeber derzeit für mehr Flexibilität stark machten. Eine bürokratische Gesetzgebung könne „nur nach hinten losgehen“. Er plädiert für eine Regelung in den Betrieben. Die gibt es zum Teil in Form von Zusatzvereinbarungen im Arbeitsvertrag schon heute. Allerdings geht das weder dem Deutschen Gewerkschaftsbund DGB noch dem Deutschen Juristentag weit genug, weswegen sie schon länger einen Rechtsanspruch fordern, bei mobilisierbaren Tätigkeiten“ und soweit „betriebliche Gründe nicht entgegenstehen“.

Wahr ist aber auch: Homeoffice will gelernt sein.

Nahezu drei Viertel der Deutschen sehen flexible Arbeitszeiten als Bestandteil einer modernen Arbeitswelt, zu diesem Schluss kommt der D21-Digital-Index. Dass sie sich dafür selbst auch am Riemen reißen müssen, ist nicht allen bewusst. Immerhin fehlt eine klar definierte Arbeitszeit – viele arbeiten mehr als sie müssten, unbezahlt. Privates und Berufliches vermischt sich, was nicht gut ist, selbst auferlegte Disziplin ist gefragt. Aber erstens können Einige in Zukunft die flexible Arbeitsweise ausprobieren und ausloten. Und zweitens: Wenn Unternehmen keine triftigen Gründe haben, mobile Arbeit abzulehnen, müssen Mitarbeiter auch kein schlechtes Gewissen mehr haben und spätabends noch Firmenmails beantworten. Dann nämlich werden sie (hoffentlich) an ihrer Leistung gemessen, nicht an den Stunden.

Wer bisher also bei seinem Arbeitgeber auf Granit gebissen hat, kann auf Erleichterung hoffen. Ein Gesetzesentwurf soll 2019 kommen.

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