Weiterbildung in Online-Kursen: Lernplattformen gegen den Fachkräftemangel

Lernplattformen liegen im Trend, weil Absolventen schneller fertig sind und Unternehmen mit speziellen Kursen ihre interne Fachkräftelücke schließen können, die durch fehlende digitale Kompetenzen immer größer wird. Mit klassischen MOOCs (Massive Open Online Courses) hat das nur noch wenig zu tun.

Im aktuellen Tech Trend Report des Future Today Institutes, der gerade auf dem Festival South by Southwest (SXSW) vorgestellt wurde, sind Nanodegrees als Trendthema für 2019 aufgeführt. Nanodegrees oder Zertifikate heißen die Abschlüsse von Online-Akademien, die Menschen mit Online-Kursen mit einer Dauer von 3 bis etwa 18 Monaten aus- oder weiterbilden. Solche Web-Ausbildungen gibt es in vielen Fachgebieten, von Naturwissenschaften über Kunst bis Finanzen. Da gerade im Bereich Digitalisierung aber Fachkräfte fehlen, bieten die Lernplattformen mit Lernvideos, Lernmaterialien und Prüfungen verstärkt Weiterbildungen zu Data Scentists, KI-Experten Deep Learning oder Digital Marketing an – und treffen den Nerv, oder die Not, vieler Unternehmen.

Agil und schnell – das sind die Vorteile von Online-Kursen. Es hängt aber auch von jedem selbst ab, wie gut er vorwärts kommt.

Die nämlich haben Zeitdruck. Klassische Studiengänge von mehreren Jahren helfen nicht sofort, den akuten Fachkräftemangel zu lindern. Im FTI-Trendbericht heißt es dazu: „Die Programme sind agiler und können die bevorstehenden Lücken schneller schließen als Universitäten“. Das gilt besonders dann, wenn die Unternehmen mit den Lernplattformen kooperieren. So hat Daimler bereits 2016 zusammen mit Udacity ein Programm entwickelt, das Teilnehmer in weniger als einem Jahr zu Computer- und Robotik-Spezialisten für selbstfahrende Autos ausbildet. Der Autobauer Audi schickt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf die Udacity Online-Uni, damit sie dort Big Data verstehen lernen.

Unternehmen nutzen die Lerninfrastruktur und -experten, um ein sinnvolles und speziell für ihre Bedürfnisse ausgerichtetes Angebot auf die Beine zu stellen. Auch beim deutschen Anbieter iversity können Unternehmen Online-Kurse speziell für ihre Bedürfnisse entwickeln. Firmen haben dort entweder die Möglichkeit, erprobte Online-Kurse zu Themen wie Agiles Management, Predictive Analytics oder Digital Marketing für ihren Betrieb anzupassen. Oder sie entwickeln komplett eigene Kurse, die sie nicht nur ihrer Belegschaft, sondern auch öffentlich anbieten können.

Professionelle Online-Trainings sind gut fürs Employer Branding

Die Kooperationsstrategie der Unternehmen zahlt sich aus, sowohl für die Firma als auch die Beschäftigten. Die Arbeitgeber bilden in den Fachgebieten aus, in denen Fachkräfte dringend gebraucht werden. Die Absolventen wiederum können intern weitere Beschäftigte an die Hand nehmen oder ihrerseits als Tutoren Online-Kurse geben, um Wissen für den Betrieb weiterzugeben. Unternehmen kommt das doppelt zugute, denn auf diese Weise binden sie ihre Besten an die Firma und zeigen ihre Bereitschaft, Beschäftigten eine Zukunftsperspektive zu geben. Die wiederum sind dadurch motiviert, Zusatzqualifikationen zu erwerben. Einfacher kann Employer Branding kaum gelingen. Öffnen sie ihre Lerninhalte für externe Teilnehmer, wird aus dem Kurs ein echter Recruiting-Pool, der Bewerber und potenzielle neue Mitarbeiter hervorbringt.

Anders sieht das beispielsweise SAP. Die Plattform openSAP bietet Online-Kurse an, die intern entwickelt und auch nur dort gebucht werden können. Die Abschlussrate sei mit 25 Prozent deutlich höher als bei kommerziellen Anbietern. Nun ist SAP aber auch ein schwergewichtiges Unternehmen, das sich den Aufbau einer solchen Plattform leisten kann. Wer mittelfristig intern Fachkräfte braucht, eine entsprechende Lerninfrastruktur aber nicht zuletzt aus Kostengründen aufbauen kann, für den ist die Kooperation mit Online-Akademien eventuell eine mögliche Alternative. Plattformen wie die AW Academy beispielsweise nutzen Fortbildung gezielt, um im Auftrag von Kunden neue Mitarbeiter zu akquirieren.

Erkennen Unternehmen externe Kurszertifikate an?

iversity bietet Unternehmen unterschiedliche Lern- und Infrastrukturangebote.
iversity bietet Unternehmen unterschiedliche Lern- und Infrastrukturangebote. (Quelle: iversity)

Wenn Teilnehmer extern mit einem Nanodegree, Zertifikat, einer Teilnahmebestätigung oder ähnlichem aufwarten können (die Abschlussbezeichnung hängt vom Anbieter und vom Umfang ab), demonstrieren sie nicht nur den Willen zur Weiterbildung, sondern zeigen auch ein gewisses Maß an Selbstdisziplin und Ausdauer. Das braucht man nämlich, denn die Kurse lassen sich, wenn der Arbeitgeber das erlaubt, in den Arbeitsalltag integrieren, sonst in die Mittagspause oder den Feierabend. Nicht für jeden ist das etwas.

Ob es sinnvoll ist, die Zusatzqualifikation in der Bewerbung anzugeben, wurde vor ein paar Jahren noch zurückhaltend beantwortet mit einem „Kannst du ganz unten erwähnen“. Mittlerweile und durch die Mitarbeit von Industrieschwergewichten aus allen Branchen werden die Kurse stärker wahrgenommen, hat das Suchportal für Online-Kurse Edukatico zusammengetragen: Zumindest sollen entsprechende Bescheinigungen in seinem LinkedIn-Profil integrieren, empfiehlt beispielsweise ThyssenKrupp. RWE bittet darum, nur jobrelevante Dokumente zu erwähnen und bei Otto freut man sich, wenn das Zertifikat näher erläutert wird, weil nicht immer gleich erkennbar sei, um welchen Kurs es sich handelte.

Von der Digitalisierung profitieren auch die Online-Akademien

In fünf Monaten zum Data Engineer.
In fünf Monaten zum Data Engineer. (Quelle: Udacity)

Das mag auch daran liegen, dass die Anbieter auch Unternehmensbindung auf den Markt und die neuen Anforderungen der digitalen Transformation reagieren. Gerade erst hat Udacity ein neues Nanodegree-Programm etabliert, dass Teilnehmer zu Data Engineers macht. Beim Nanodegree-Programm „Natural Language Processing“ kooperiert der Anbieter mit Amazon Alexa und IBMs Watson.

Mit klassischen MOOCs hat das nur noch wenig zu tun. Bei diesen Online-Kursen mit meistens nur einer Teilnahmebestätigung stammten die Lerninhalte ursprünglich von Universitäten, die ihre Vorlesungen ohne Zulassungsbeschränkungen und kostenlos Tausenden Teilnehmern via Internet öffneten. Die gibt es heute noch, doch mit Gratis-Angeboten allein ist kein Geschäft zu machen.

Die Lernplattformen sind heute meistens kommerzialisiert, auch die der Universitäten, obwohl das der grundlegenden Idee von Sebastian Thrun widerspricht. Der deutsche Robotik-Spezialist, ehemaliger Professor an der Eliteuniversität Stanford und Kopf der Google Street-View-Autos, wollte Wissen allen zugänglich machen und bot 2011 sehr erfolgreich die ersten MOOC-Kurse an. Aus diesem Erfolgserlebnis heraus gründete er Udacity.

Auch Unis bieten Online-Kurse

Neben den genannten Anbietern sehen auch Universitäten eine Geldquelle in den Kursen. Die TU München bietet beispielsweise Kurse auf edX (einer von der Harvard-Universität und dem Massachusetts Institute of Technology, MIT, gegründeten Plattform) oder Coursera an. Bei Coursera findet man außerdem Lerninhalte von Elite-Unis wie Stanford, Princeton oder Yale sowie aus Europa London oder Zürich. Unter dem Namen openHPI bietet das Hasso-Plattner-Institut Informatik-MOOCs.

Manche Kurse sind kostenlos, lediglich für ein verifiziertes Zertifikat müssen etwa 30 US-Dollar gezahlt werden. Andere Kurse kosten rund 250 Dollar. Es kommt immer auf den Umfang an. Auch die weiteren Anbieter rufen teilweise Gebühren auf, mal für den Kurs selbst, dann nur für das Zertifikat. Bei iversity beispielsweise gibt es gerade den Kurs „Agiles Management“, für den rund 400 Euro fällig werden. Für Unternehmen erstellt der Anbieter Team-Pakete.

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