„Fehlende Hochschulabschlüsse sollten kein Ausschlusskriterium mehr sein“

Die Digitalisierung hat den Arbeitsmarkt in den letzten Jahren umgekrempelt und Fachkräfte nötig gemacht, die Hochschulen in sehr geringen Mengen liefern können – wenn überhaupt. Ein Hochschulabschluss ist deswegen längst nicht das Maß aller Dinge. 

Dass Technologie die Welt verändert, ist an sich nichts Neues, aber das Tempo der Veränderung war noch nie so hoch wie heute. Insbesondere für Technologie- und Content-Unternehmen macht diese Entwicklung flexible und anpassungsfähige Mitarbeiter notwendig, die mit der ständigen Innovation Schritt halten können. Zudem hat die Digitalisierung viele neue Jobprofile entstehen lassen, die es noch vor einigen Jahren noch nicht gab. Die Hochschulausbildung konnte mit vielen der heute gefragtesten Berufe nicht Schritt halten und den Arbeitsmarkt nicht adäquat versorgen. Aus diesem Grund sind Hochschulabschlüsse bei der Einstellung vieler innovativer Unternehmen eher zweitrangig geworden. 

„Unternehmen haben gelernt, dass ein mehrjähriger Abschluss keine Garantie dafür ist, dass ein Bewerber über die für diesen Job notwendige Fähigkeiten verfügt“, sagt Patrik Wilkens von TheSoul Publishing..

TheSoul Publishing ist ein Unternehmen, das digitale Inhalte für verschiedene Einsatzzwecke produziert. Wir sprachen mit Patrik Wilkens, Vie President Operations bei TheSoul Publishing, über die sich wandelnden Einstellungsmuster und über die Logik der neuen Ansätze, die das Unternehmen verfolgt. 

Was hat zu diesem Wandel geführt, dass Hochschulabschlüsse nicht mehr denselben Stellenwert einnehmen wie früher?
Natürlich lässt es sich nicht auf ein einziges Ereignis zurückführen, das Unternehmen dazu bewogen hat, ihre Prioritäten beziehungsweise Voraussetzungen von Bewerbern bei Einstellungsprozessen zu ändern. Da sich viele Arbeitsplätze auf technologie- und dienstleistungsorientierte Positionen verlagert haben, haben die Unternehmen erkannt, dass sie erstklassige Talente an unerwarteten Orten finden können. 

In der modernen Wirtschaft gibt es so viele Möglichkeiten, neue Fähigkeiten zu erwerben. In den Bereichen Softwareentwicklung und -design gibt es zum Beispiel Coding Camps, Praktika und Zertifizierungen, die oft auf einen bestimmten Bedarf in der Branche zugeschnitten sind. Dies ermöglicht es den Menschen, sich wirklich bis ins Detail in ein Spezialgebiet zu vertiefen, anstatt eine allgemeinere, weitreichende Ausbildung zu absolvieren. Auf diese Weise können auch Unternehmen nachvollziehen, was sie in Bezug auf bestimmte Fähigkeiten bekommen, die jetzt oder in Zukunft erforderlich sind. 

Ein weiterer Faktor: In Zeiten des Fachkräftemangels, wie sie derzeit herrschen, ist die Investition in ein Studium, das mehrere Jahre dauert, für Arbeitssuchende möglicherweise finanziell nicht lohnend, insbesondere in Bereichen, die nicht zwingend ein Studium benötigen. Das gilt natürlich auch im breiteren Kontext, nämlich für diejenigen, die sich ein Studium oder einen höheren Abschluss einfach nicht leisten können. Hier ermöglicht der Fokus auf praktische Erfahrungen und ‘Soft Skills’ ganz neue Möglichkeiten, die berufliche Zukunft zu planen. 

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Fähigkeiten statt Hochschulzeugnis – handelt es sich dabei um eine vorübergehende Veränderung?
Kurz gesagt: Nein. Die Bevorzugung von bestimmten Fähigkeiten, die ein Bewerber mitbringt, gegenüber Hochschulabschlüssen, ist ein Trend, der anhalten wird. Nachdem die Unternehmen ihre Netzwerke erfolgreich ausgeweitet haben, werden sie bald feststellen, dass dieser neue Ansatz mehr Arbeitssuchenden eine Chance bietet, was sich letztlich für Unternehmen bezahlt machen wird. Schließlich bekommen sie damit auch Zugang zu neuen Talenten.  

Die Unternehmen haben gelernt, dass ein mehrjähriger Abschluss keine Garantie dafür ist, dass ein Bewerber über eine bestimmte Arbeitsmoral oder gewisse, für diesen Job notwendige Fähigkeiten verfügt. Da sich die Technologie weiterentwickelt, können einige der Kenntnisse, die sie während des Studiums erworben haben, in Zukunft bereits wieder veraltet sein. Ein Diplom gibt keinen Hinweis darauf, ob ein Bewerber in der Lage ist, sich anzupassen. Fertigkeiten sind das, was wir jeden Tag bei der Arbeit in die Praxis umsetzen. In der heutigen technischen Umgebung müssen diese Fähigkeiten adaptierbar sein, um erfolgreich zu sein. 

„In kreativ orientierten Bereichen ist eine formale Hochschulausbildung einfach nicht erforderlich.“

Sind Abschlüsse überhaupt erforderlich?
Während viele Stellen auch Bewerbern ohne vierjährigen Abschluss offenstehen sollten, wird für viele andere Positionen nach wie vor ein Diplom verlangt. Als jemand, der die Hochschule nicht abgeschlossen hat, weiß ich, dass viele meiner Kollegen während ihres Studiums großartige Erfahrungen gemacht und sich weiterentwickelt haben. In Unternehmen wie unserem setzen viele Positionen in Rechts- und Finanzteams, oder auch in der Personalabteilung, einen Hochschulabschluss voraus. Ärzte, Ingenieure und Wissenschaftler benötigen fast immer den Nachweis eines akademischen Grades, aber in kreativ orientierten Bereichen ist diese formale Ausbildung einfach nicht erforderlich. 

Was sind die attraktivsten Fähigkeiten, die ein Bewerber mitbringen kann?
Man hört viel von ‚Soft Skills‘, und die sind für Bewerber auf jeden Fall wünschenswert. Aber das ist noch nicht alles: Vielseitigkeit und Kreativität sind das A und O. Wenn ein Bewerber diese Fähigkeiten mit Leidenschaft und Engagement kombinieren kann, ist er mit hoher Wahrscheinlichkeit eine gute Wahl. Wir können ‚Hard Skills‘ – also schwierige, aber erlernbare Fähigkeiten – wie den Umgang mit einer Kamera oder die beste Art und Weise, auf einer neuen Plattform zu programmieren, lehren. Anpassungsfähigkeit hingegen kann man nicht wirklich erlernen. Bei unseren Einstellungsentscheidungen achten wir speziell auf diese Fähigkeiten. 

Besonders vor diesem Hintergrund der neuen Anforderungen, aber auch generell ist es ja wichtig, dass die Mitarbeiter über Entwicklungen im Unternehmen oder über neue Prozesse auf dem neusten Stand gehalten werden. Wie gewährleisten Sie das?
Nach dem Onboarding sollten neue Mitarbeiter mit der Teamdynamik vertraut sein und verstehen, was ein Unternehmen und seine Kultur ausmacht. Durch die Erstellung guter Inhalte können Unternehmen das Onboarding-Erlebnis positiv und ansprechend gestalten. Unser Kreativteam erstellt maßgeschneiderte Onboarding-Videos für neue Mitarbeiter. Diese wurden auf natürliche Weise gestaltet und helfen den Mitarbeitern, die DNA des Unternehmens und seine Kultur besser zu verinnerlichen.   

„Neue Mitarbeiter sollten mit der Teamdynamik eines Unternehmens vertraut sein und verstehen, was seine Kultur ausmacht.“

Es ist wichtig zu verstehen, dass dieser Prozess nicht nach dem Onboarding eines Mitarbeiters enden sollte. Re-Onboarding ist ein eigenständiges Programm, das langjährige Mitarbeiter wieder einbindet und sie über die Neuerungen im Unternehmen informiert. Auch wenn diese neuen Entwicklungen zunächst klein erscheinen mögen, so summieren sie sich doch und werden sehr wichtig für einen reibungslosen Arbeitsalltag.  

Wie wichtig ist bei Ihnen das Thema Fortbildung?
Wenn Sie Ihr Team engagiert und motiviert halten wollen, sollte – über die Unternehmensrichtlinien und -software hinaus – die Förderung von Weiterbildungsmaßnahmen zur Verbesserung der beruflichen Laufbahn oberste Priorität haben,. Dazu gehören Kurse zur Verbesserung der kreativen Fähigkeiten sowie die Vorbereitung der Mitarbeiter auf Führungsaufgaben durch Mentorenprogramme. Vielfältige Lern-, Wachstums- und Entwicklungsmöglichkeiten sind sowohl für Mitarbeiter mit als auch ohne Hochschulabschluss wichtig. Eine interne Bildungs-Community sollte denjenigen, die ihr Potenzial erweitern möchten, Zugang zu einem Team von Experten bieten, die ihre wertvollen Erfahrungen und kreativen Erfolge weitergeben. 

Welche Erkenntnisse würden Sie Personalverantwortlichen auf der Suche von Fachkräften mit auf den Weg geben?
Vielseitigkeit ist heute wichtiger als je zuvor. Das bedeutet nicht, dass eine Person alles machen muss. Es bedeutet, dass man in der Lage sein muss, sich schnell an neue Gegebenheiten anzupassen. Technologieunternehmen und Content Creators müssen agil sein, um relevant zu bleiben. Die Teams müssen flexibel und bereit sein für jede Herausforderung, die vor ihnen liegt.  

Innovative Unternehmen brauchen Mitarbeiter, die Trends schnell erkennen und sich auf Prozesse stützen können, die funktionieren  und solche, die nicht funktionieren, vermeiden. Stellenbewerber, die diese Fähigkeiten mitbringen und im Unternehmen anwenden, werden unabhängig von ihrem Hochschulabschluss Erfolg haben. Hand in Hand damit geht die Bereitschaft, sich weiterzubilden. Wenn man aufgeschlossen ist, stehen einem mehr Türen offen. Das gilt nicht nur für die Bewerber, sondern auch für die Unternehmen, in denen sie zu arbeiten hoffen.

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