Digitale Fortbildung: Es gibt kein Patentrezept, aber viele gute Ansätze

Ein Großteil der Arbeitnehmerschaft in Europa wird sich neue digitale Fertigkeiten aneignen müssen, um weiterhin eine Chance auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Ministerien und private Einrichtungen arbeiten mit Hochdruck an Konzepten, um diese Mammut-Aufgabe zu bewältigen.

Die Geschwindigkeit der Digitalisierung und die starke Konkurrenz aus USA und China bereitet der Industrie und der Politik in Europa gleichermaßen Sorgen. Die Wettbewerbsfähigkeit des Kontinents hängt davon ab, wie gut es der Industrie gelingen wird, die digitale Transformation zu meistern. Aktuell scheint ein lähmender Fachkräftemangel das Hauptproblem zu sein. Dabei wird gerne übersehen, dass es langfristig nicht nur auf die Spezialisten ankommt. 

Die meistgesuchten digitalen Jobs in Europa, in absoluten Zahlen sowie in der Anzahl der offenen Stellen, die auch nach 90 Tagen nicht besetzt werden konnten. (Quelle: EU-Bericht über Digital Skills)
Die meistgesuchten digitalen Jobs in Europa, in absoluten Zahlen sowie in der Anzahl der offenen Stellen, die auch nach 90 Tagen nicht besetzt werden konnten. (Quelle: EU-Bericht über Digital Skills)

Nach Einschätzung des Europäischen Zentrums für die Förderung der Berufsbildung (CEDEFOP) werden 90 Prozent aller Arbeitskräfte künftig irgendeine Form digitaler Kompetenz brauchen, um ihren Job ausführen zu können, 70 Prozent brauchen diese schon heute. Zugleich werden 43 Prozent aktuell mit neuen Technologien in ihrem Job konfrontiert und fast die Hälfte der Befragten befürchten, dass viele ihrer heutigen Fähigkeiten in fünf Jahren nicht sehr oder überhaupt nicht gefragt sein werden. Sogar 29 Prozent der Befragten aus der IT-Dienstleistungsbranche teilen diese Befürchtung. 

100 Fortbildungstage für jeden

Die Arbeitenden von heute werden in den nächsten Jahren viel dazulernen müssen, so viel steht fest. Das Weltwirtschaftsforum schätzt in seinem Bericht The Future of Jobs Report 2018, dass die Berufstätigen weltweit bis Ende 2022 im Durchschnitt etwa 100 Tage mit Fortbildung verbringen werden müssen, um bis dahin fit für den digitalen Arbeitsmarkt zu sein. Für das deutsche Arbeitsministerium hängt vom Gelingen dieser Fortbildung ab, ob es in Deutschland weiterhin Arbeit für alle geben kann. 

Die Schwierigkeit dabei: Digitales Wissen ist ein Riesengebiet, das nicht nur fachliches Know-how beinhaltet, sondern die gesamte Arbeitsweise, die berufliche Kommunikation und die Zusammenarbeit mit Kollegen bzw. Partnern umfasst. Außerdem ist die Bandbreite der gefragten Fähigkeiten so groß, dass es keinen einheitlichen Ansatz geben kann. Wir haben beispielhaft zwei Konzepte aufgegriffen, die zumindest die Vielschichtigkeit der Aufgabe illustrieren. Ein EU-Projekt hat besonders die Bedürfnisse von Kleinunternehmen im Visier, das Konzept einer britischen Beratungsfirma richtet sich eher an größere Unternehmen und Kursanbieter.

Bei KMUs scheitert die Digitalisierung schon am Zeitmangel der Entscheider

Die EU-Kommission hat im Sommer den Bericht eines umfassenden Pilotprojekts veröffentlicht, das Konzepte für die digitale Fortbildung erarbeiten sollte. Im Rahmen von Digital Skills: New Professions, New Educational Methods, New jobs wurden Arbeitslose aus zwei sehr unterschiedlichen Regionen der EU durch Fortbildung in digitale Arbeitsstellen vermittelt. Das Projekt soll besonders kleineren und mittleren Unternehmen dabei helfen, ihr Fortbestehen zu sichern. Denn während die Digitalisierung für Großbetriebe und den Mittelstand eher eine Frage von Ressourcen, Fachkräften und der richtigen Strategie ist, scheitern Kleinunternehmen häufig schon am digitalen Grundwissen und dem engen Zeitbudget ihrer Entscheider.

Zu den meistgesuchten Jobprofilen gehören laut Bericht Fachkräfte für digitales Marketing, die Betreuung von Social Media, Web-Entwicklung, Datenanalyse, die Automatisierung von Routineaufgaben, Cybersicherheit sowie für die digitale Pflege von Kundenbeziehungen (Customer Relationship Management). 

Vor- und Nachteile der verschiedenen Fortbildungsformate. (Quelle: EU-Bericht über Digital Skills / trawcoe.com)
Vor- und Nachteile der verschiedenen Fortbildungsformate. (Quelle: EU-Bericht über Digital Skills / trawcoe.com)

Zugleich gibt es bei kleineren Unternehmen Defizite auf zwei höheren Ebenen des digitalen Know-hows. So mangelt es einerseits an einem tieferen Verständnis für die Natur und die Auswirkungen von Technologien wie Cloud Computing, dem Internet der Dinge (IoT) oder der Künstlichen Intelligenz, damit die Entscheider eine Strategie entwickeln können, um diese Technologien im Kontext ihrer eigenen Geschäftsmodelle zu nutzen. Zum anderen fehlt es an Wissen über digitale Arbeitsmethoden, Kommunikation, Zusammenarbeit und die entsprechenden Tools. Auch dieses Wissen ist unbedingt nötig, um digitale Fachkräfte nicht nur zu akquirieren, sondern um ihren auch die richtige Arbeitsumgebung zu bieten, sie produktiv einzusetzen und sie auch halten zu können.

Der EU-Bericht liefert eine Reihe von Blaupausen für die Strukturierung verschiedener Fortbildungskurse, zu Themen wie Digital Sales und Marketing über Web-Entwicklung bis hin zu Cybersicherheit. Was die Formate der Kurse betrifft, so ist nach Erkenntnissen aus dem EU-Pilotprojekt eine Kombination aus formalen und informellen Trainingsmethoden die effektivste. Der Bericht unterscheidet drei Abstufungen, wobei es sich bei den formalen Trainings um strukturierte Kurse handelt (im Seminarraum oder online). Bei der non-formalen Fortbildung geht es um eher kürzere Kurse, die gezielt einen bestimmten Bereich abdecken und meist von einem in diesem Spezialbereich erfahrenen Trainer gehalten werden. Bei der informellen Fortbildung sind weder Format noch Lernmittel festgelegt, Thema und Lernerfolg hängen von der Eigeninitiative des einzelnen ab. Unternehmen können jedoch steuernd auf die Mitarbeiter einwirken, zum Beispiel über Mittel wie der Digital Fitness App von PwC.

Einzelne digitale Fähigkeiten gezielt angehen

Während der EU-Bericht das Thema eher von der praktischen Seite angeht, liefert ein Konzeptpapier der britischen Digital Work Research einen theoretischen Rahmen für digitale Bildung. Das „Digital Workplace Skills Framework“ soll Unternehmen dabei helfen, digitale Fortbildungsprojekte konzeptionell anzugehen und darüber aufklären, auf welche Art Fähigkeiten es grundsätzlich ankommt und wie man diese Schritt für Schritt erlangt. Zudem soll es helfen, das im Unternehmen bereits existierende digitale Wissen besser einzuschätzen.

Das Digital Workplace Skills Framework analysiert die grundlegende Struktur von digitalem Wissen, damit einzelne Fähigkeiten gezielt vermittelt werden können. (Quelle: Digital Work Research)
Das Digital Workplace Skills Framework analysiert die grundlegende Struktur von digitalem Wissen, damit einzelne Fähigkeiten gezielt vermittelt werden können. (Quelle: Digital Work Research)

Das Framework unterteilt digitales Wissen in vier Stufen, die aufeinander aufbauen:
→ Die kompetente und sichere Nutzung des digitalen Arbeitsplatzes
→ Das Auffinden, Verarbeiten und die zielgerichtete Nutzung von Informationen
→ Die Erstellung von Inhalten und digitale Zusammenarbeit mit anderen Personen
→ Die Evaluierung, Anpassung und Optimierung der eigenen digitalen Arbeitsweise

Jede dieser Entwicklungsstufen ist wiederum in jeweils vier Fähigkeiten aufgeteilt, die gezielt vermittelt werden können, zum Beispiel wie man die Grundregeln digitaler Sicherheit einhalten kann, wie man Informationen richtig evaluiert und verarbeitet, wie man produktiv im Team zusammenarbeitet oder wie man das eigene Wissen kontinuierlich aktuell hält und erweitert. Unternehmen und Fortbildungseinrichtungen können entlang dieses Konzepts ein komplettes Kursangebot mit Modulen entwickeln, die je nach Bedarf angeboten werden können.

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