Wie Sie der großen Kündigungswelle Einhalt gebieten können

Der Fachkräftemangel übertüncht häufig ein Problem, das nicht minder schwerwiegend ist – die große Abwanderungswelle, die kurz nach Ausbruch der Pandemie eingesetzt hat. Der Personalexperte Ryne Sherman hat dazu einige hilfreiche Tipps auf Lager. 

Seit Mitte letzten Jahres ist unter Arbeitnehmern ein Phänomen aufgetreten, das allgemein als „Great Resignation“ bezeichnet wird, auf Deutsch etwa „Große Kündigungswelle“. Im Zuge der Covid-Pandemie sahen sich viele Mitarbeitende mit einer immer stärkeren Unzufriedenheit am Arbeitsplatz konfrontiert, verursacht durch die schnellen Änderungen der Arbeitsgewohnheiten und der häufig mangelnden Flexibilität der Arbeitgeber. Die Folge war Überlastung, die rasch zu einem Massenexodus führte. Besonders Arbeitende im Alter zwischen 30 und 45 Jahren konnten sich anderswo bessere Bedingungen oder ein erfüllteres Arbeitsleben vorstellen.

Mitarbeiter sollten die Gelegenheit bekommen, mindestens einmal im Jahr neue Fähigkeiten zu erwerben.

Auch in Deutschland haben Unternehmen mit einer spürbaren Abwanderung von Fachkräften zu kämpfen, vor allem in der Technologie-, der Gesundheits- und der Tourismusbranche. Viele Arbeitgeber suchen händeringend nach geeigneten Maßnahmen, um diese Abwanderung im Idealfall zu verhindern oder zumindest ihr entgegenzuwirken. Denn abgesehen davon, dass man dabei Kollegen und Freunde verliert und mit einem Personal- oder Talentmangel konfrontiert ist, haben Unternehmen viel Zeit und Geld in die Entwicklung dieser Fachkräfte investiert – man möchte sie nicht einfach so zur Tür hinauslaufen sehen.

Flexibilität zeigen, Entwicklungschancen bieten

Was also können Unternehmen konkret dagegen tun? „Um ihre derzeitigen Mitarbeiter zu halten und neue zu gewinnen, sollten Unternehmen als erstes mehr Flexibilität zeigen“, empfiehlt Ryne Sherman, Chief Science Officer beim Personaldienstleister Hogan Assessments. Auch sollten sie ihre Fähigkeit unter Beweis stellen, sich an die aktuellen Arbeitsbedingungen anzupassen. „Viele von ihnen haben sich Mühe gegeben und es auch geschafft, ihrer Belegschaft eine angemessene Work-Life-Balance zu ermöglichen. Wenn sie auf die Bedürfnisse Ihrer Mitarbeiter eingehen, tun sie etwas für ihren guten Ruf, was wiederum neue Fachkräfte anziehen kann.“

Ein Weg, dies zu erreichen, ist konkret auf die Zielsetzungen der derzeitigen Belegschaft eingehen. Laut der Talent Accelerator-Studie von Citrix sind 62 % der Personalleiter der Meinung, dass die Mitarbeitenden mindestens einmal im Jahr neue Fähigkeiten entwickeln oder anstreben sollten, weil das Angebot und die Finanzierung solcher Weiterbildungsmöglichkeiten ihr Unternehmen attraktiver machen wird. 

Dies gilt auch für neu eingestellte Mitarbeiter. „Es ist eine gute Praxis, die langfristigen Ziele von potentiellen Neueinstellungen gleich zu Beginn des Gesprächs herauszufinden, um ein Umfeld zu schaffen, in dem sie sich in diese Richtung entwickeln können. Auf diese Weise erhalten die neuen Mitarbeiter ein langfristiges Ziel, auf das sie hinarbeiten können, und das Unternehmen kann sich als eines präsentieren, in dem dies ermöglicht wird“, so Sherman.

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Ist Präsenzpflicht noch ein Thema?

Mit der Fernarbeit, an die wir uns alle in den letzten Jahren gewöhnt haben, haben sich viele Arbeitnehmer plötzlich in einem viel flexibleren Szenario wiedergefunden. Viele haben schnell erkannt, dass die Arbeit in einem gut organisierten Unternehmen genauso gut von zu Hause aus erledigt werden kann wie von dem Büro aus. Außerdem bietet Heimarbeit oft eine angenehmere Erfahrung und eine höhere Flexibilität bei der Kinderbetreuung und der Bewältigung anderer Aufgaben. Also ist es keine Überraschung, dass zwei von drei Arbeitnehmern auch weiterhin eine solche Arbeitsumgebung suchen oder anstreben. Rund 30 Prozent der Arbeitnehmer gaben sogar an, dass sie ihren derzeitigen Arbeitsplatz aufgeben würden, wenn dieses hybride Modell nicht möglich wäre. 

Ryne Sherman: "Unternehmen sollte zeigen, dass sie auf langfristige Ziele hin arbeiten."
Ryne Sherman: „Unternehmen sollte zeigen, dass sie auf langfristige Ziele hin arbeiten.“

Für Arbeitgeber ist es daher von größter Bedeutung, ihre derzeitige Einstellung zu überprüfen, glaubt Ryne Sherman. „Brauchen sie wirklich Personal im Büro? Bietet es irgendwelche Vorteile oder ist es nur eine Rückkehr zu dem, was früher einmal normal war? Könnte eine Verkleinerung der Bürofläche und eine Reduzierung des Personals vor Ort zu Einsparungen führen? Und ist es nicht höchste Zeit, auf eine digitale und vernetzte Infrastruktur umzusteigen, auf die auch aus der Ferne zugegriffen werden kann, sofern dies noch nicht geschehen ist? Können die Mitarbeiter von flexiblen Arbeitszeiten profitieren oder müssen sie wirklich innerhalb einer genauen Zeitspanne arbeiten?“ 

Spätestens jetzt sei es an der Zeit, diese Fragen zu stellen. Arbeitgeber, die jetzt ins Hintertreffen geraten und sich als zu starr erweisen, würden auf dem Arbeitsmarkt an Attraktivität verlieren. Gleichzeitig sei dies eine gute Gelegenheit, die Unternehmensinfrastruktur und die Büroeinrichtung zu überprüfen. Die Mitarbeiter könnten sich sogar persönlich für die Verwirklichung eines modernisierten Modells einsetzen, wenn dies in ihrem Interesse liegt.

Die eigene Belegschaft ist das beste Aushängeschild

Es hat sich bisher immer wieder gezeigt, dass Offenheit und Flexibilität für Mitarbeiter hochgradig motivierend wirken. „Es ist immer eine gute Idee, sie an den Zukunftsplänen des Betriebs zu beteiligen“, bestätigt Ryne Sherman. „Dadurch wird der Erfolg des Unternehmens für alle zu einem persönlichen Erfolg und die Loyalität wird weiter gestärkt. Eine gute Gelegenheit dafür ist, sie in die Suche nach neuen Talenten einzubeziehen. Unabhängig davon, ob ein Unternehmen expandieren will oder bereits von Kündigungen betroffen war, kennen die Mitarbeiter möglicherweise geeignete neue Kandidaten. Das erleichtert die Suche und liefert vielleicht neue Erkenntnisse über wünschenswerte Eigenschaften, auf die bei Personalsuche geachtet werden soll.“ 

Die eigene Belegschaft sollte wissen, welche Vorteile ihnen ihr Arbeitgeber bietet.

Eine weitere Sache, die bei der Personalsuche Wunder wirken kann, ist die Zufriedenheit der bestehenden Belegschaft. Diese kommt in Form von Empfehlungen zum Ausdruck, die auch die möglichen Kandidaten erreichen sollten. „Die Empfehlungen können von den Mitarbeitern kommen, die Sie bereits bei der Suche einbezogen haben, aber auch von denen, die Sie dabei vielleicht bisher übersehen haben“, sagt Sherman. 

Es sei daher wichtig, die Vorteile aufzuzeigen, die das Unternehmen seiner Mitarbeitern und deren Familien bietet. Dazu gehören Dinge  wie Gesundheitsleistungen, Kinderbetreuung bezahlte Freistellung, Pendlerpauschalen, Flexibilität  bei den Arbeitszeiten, etc. „Dies sind großartige Ideen, um sich von der Masse abzuheben oder in einigen Branchen zumindest den Standard zu erfüllen. Aber ebenso wichtig ist es, die Mitarbeiter darauf aufmerksam zu machen. Schließlich werden diese kaum ein Loblied auf Sie singen, wenn sie nicht wissen, welche Vorteile sie in Ihrem Unternehmen genießen können.“

Die Arbeit muss Sinn machen

Ryne Sherman weist auf ein weiteres grundlegendes Element hin, auf das Arbeitssuchende immer mehr Wert legen, das Unternehmen aber gern übersehen – den Zweck der Arbeit. „Es ist von größter Bedeutung, dass sich Ihre Mitarbeiter mit der Arbeit Ihres Unternehmens identifizieren können. Wodurch hebt sich Ihr Unternehmen ab? Was ist gut daran? Welchen Einfluss hat sie auf den Sektor, vielleicht sogar auf die Gesellschaft oder die Welt als Ganzes? Und selbst wenn Sie wissen, dass das in gewisser Weise ein Schwachpunkt ist, sehen Ihre Mitarbeiter dies vielleicht als Mittel zur Bewältigung einer Herausforderung, zögern Sie also nicht, Ihre Schwierigkeiten vorzubringen. Letztendlich wird die Motivation an der Arbeit darüber entscheiden, ob die Menschen bleiben, wenn die Dinge schwierig werden. Denn sie werden keinen Grund sehen, zu bleiben, wenn sie sich nicht mit Ihrem Unternehmen identifizieren können. Ansonsten werden andere Firmen langsam aber sicher attraktiver.“

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