Wie betriebliches Gesundheitsmanagement Fehlzeiten systematisch senkt

Weniger Krankenstand, messbare Ergebnisse

Besonders n Zeiten wirtschaftlicher Ungewissheit und hoher Arbeitsbelastung kann betriebliches Gesundheitsmanagement der Ursache für viele Personalprobleme auf den Grund gehen.

Der bundesweite Krankenstand lag 2024 laut AOK bei 6,5 Prozent, das entspricht rund 24 Fehltagen je Beschäftigten und Jahr. Viele Unternehmen reagieren mit Einzelmaßnahmen, die keine Wirkung zeigen, weil die Ursachen nicht bekannt sind und der Erfolg nicht gemessen wird. 

Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) funktioniert anders: Es beginnt mit Daten, nicht mit Maßnahmen.

Wie misst man den Krankenstand der Mitarbeitenden richtig?

Bevor irgendetwas verbessert werden kann, braucht es einen belastbaren Ausgangswert. Drei Kennzahlen sollten dafür regelmäßig erhoben werden:
Krankheitsquote: krankheitsbedingte Fehltage ÷ Soll-Arbeitstage aller Mitarbeitenden × 100
Arbeitsunfähigkeitstage (AU-Tage) je Mitarbeitenden pro Jahr: Gesamtzahl Fehltage ÷ Anzahl Mitarbeitende
AU-Fälle je Mitarbeitenden pro Jahr: Anzahl Krankmeldungen ÷ Anzahl Mitarbeitende

Lesetipp

Der Unterschied zwischen den letzten beiden ist für die spätere Maßnahmenauswahl entscheidend: Ein Unternehmen mit 4,8 Fällen à 3 Tagen hat ein strukturell anderes Problem als eines mit 1,2 Fällen à 12 Tagen. HR-Systeme wie Personio oder DATEV stellen diese Auswertungen automatisch bereit. Wer diese drei Werte monatlich mit derselben Datenbasis trackt, hat nach zwölf Monaten eine belastbare Grundlage für jede Entscheidung im betrieblichen Gesundheitsmanagement.

Warum zeigen BGM-Maßnahmen ohne Datengrundlage keine Wirkung?

Das Muster ist immer dasselbe: Ein Unternehmen führt Rückenkurse ein, ohne zu wissen, dass 60 Prozent der Fehltage auf psychische Erschöpfung zurückgehen. 

Ein anderes setzt auf Obstkorb und Yoga, während die Hauptausfälle in bestimmten Abteilungen oder Schichten entstehen. Die KPIs bewegen sich nicht, das Budget ist verbraucht und die Frustration wächst zunehmend.

Das liegt meist an einem einfachen Problem: Ohne Ursachenanalyse trifft man mit Maßnahmen selten den richtigen Punkt. Was hilft, ist eine systematische Vorarbeit in drei Schritten, die sich bei uns in der Beratung vielfach bewährt hat:

  • AU-Daten auswerten: Aufschlüsselung nach Abteilung, Altersgruppe, Diagnosegruppe  und Falldauer. Ziel ist es, die 20 Prozent der Ursachen zu identifizieren, die 80 Prozent der Fehltage verursachen
  • Muster clustern: Körperlich bedingt (Ergonomie, Schicht, Belastung), psychisch bedingt (Führung, Druck, Überstunden) oder organisatorisch bedingt (Dienstplan, Kommunikation, Prozesse)
  • Mitarbeitende befragen: Eine anonyme Befragung mit 10 bis 15 Fragen zu Belastung, Führung und Gesundheitsbedürfnissen liefert Informationen, die aus AU-Daten allein nicht ablesbar sind. Rücklaufquoten über 80 Prozent sind bei strukturierter Durchführung realistisch

Erst wenn diese Grundlage vorliegt, lässt sich ein Maßnahmenpaket entwickeln, das tatsächlich an den richtigen Stellen ansetzt.

Welche drei Hebel müssen gleichzeitig greifen, damit der Krankenstand dauerhaft sinkt?

Ein einzelnes Instrument reicht nicht. Wer den Krankenstand strukturell senken will, muss drei Bereiche gleichzeitig adressieren:

  • Arbeitsorganisation: Projektpläne ohne Erschöpfungskonstellationen, verbindliche Pausen, Tätigkeitsrotation und ergonomische Anpassungen wie höhenverstellbare Arbeitsplätze wirken direkt auf körperliche Belastungen, oft ohne großes Budget.
  • Führungsverhalten: Krankenrückkehrgespräche, regelmäßige Einzelgespräche und konkrete Wertschätzung wirken messbar auf die Fehlzeitenquote. Laut Gallup 2024 fehlen Mitarbeitende mit hoher emotionaler Bindung zum Unternehmen 5,0 Tage pro Jahr, solche mit geringer Bindung 7,7 Tage.
  • Gesundheitsleistungen mit konkretem Nutzwert: Eine betriebliche Krankenversicherung (bKV) erstattet Leistungen, auf die viele Mitarbeitende sonst aus Kostengründen verzichten: Physiotherapie, Zahnreinigung, Sehhilfen, psychologisches Coaching. Der iga-Report belegt, dass strukturierte betriebliche Gesundheitsförderung Fehlzeiten um bis zu 25 Prozent senken kann und jeder investierte Euro im Schnitt 2,70 Euro an Folgekosten einspart.

Fallbeispiel: IT-Beratungsunternehmen, 38 Mitarbeitende, Projektstart März 2024

Im März 2024 wurde von uns ein inhabergeführtes IT-Beratungsunternehmen mit 38 Mitarbeitenden bei einem BGM-Projekt begleitet. Ausgangslage: Krankheitsquote von 7,2 Prozent, durchschnittlich 15,8 AU-Tage je Mitarbeitenden pro Jahr, gehäufte Krankmeldungen in den beratungsintensiven Teams mit hohem Reiseaufkommen und langen Projektphasen beim Kunden.

Was hat die Analyse ergeben?

Die AU-Daten der vergangenen zwölf Monate wurden nach Abteilung, Altersgruppe und Diagnosegruppe ausgewertet. Parallel lief eine anonyme Mitarbeiterbefragung mit 14 Fragen, Rücklaufquote 91 Prozent. 

Die Ergebnisse:

  • 58 Prozent der AU-Tage entfielen auf psychische Erschöpfung und Schlafstörungen
  • 24 Prozent auf Muskel-Skelett-Erkrankungen, überwiegend in Zusammenhang mit langen Reisetagen und ergonomisch mangelhaften Arbeitsplätzen beim Kunden
  • Durchschnittsalter der Belegschaft: 37 Jahre, hoher Anteil an Mitarbeitenden mit chronisch hoher Arbeitsbelastung in Projektendphasen

Welches Maßnahmenpaket wurde eingeführt?

Auf Basis der Analyse wurden organisatorische Anpassungen und ein betriebliches Gesundheitsbudget (bKV) parallel eingeführt. 

Organisatorisch: verbindliche Regenerationstage nach Projektabschluss, klare Regelungen zur Erreichbarkeit außerhalb der Kernarbeitszeit, strukturierte Projektübergaben zur Vermeidung von Wissenssilos. 

Zusätzlich wurde eine betriebliche Krankenversicherung eingeführt, Arbeitgeberbeitrag 45 Euro je Mitarbeitenden monatlich, unterhalb der steuerfreien Sachbezugsgrenze von 50 Euro gemäß § 8 Abs. 2 EStG.

Das Konzept beinhaltete folgende Kernleistungen: Erstattungsbudget für Sehhilfen, Prävention, Vorsorgeuntersuchungen, Physiotherapie, Zahnersatz- und reinigung, Arznei-, Heil-, und Hilfsmittel sowie Inanspruchnahme von Heilpraktikerleistungen und alternative Behandlungen. Dazu kamen diverse Assistenzleistungen wie etwa: psychologisches Coaching, digitale Fitness-und Mediationsangebote und ein Facharztservice zur Unterstützung bei der Facharztsuche.

Bruttokosten: 38 × 45 Euro = 1.710 Euro monatlich, 20.520 Euro jährlich. Nach steuerlicher Absetzbarkeit als Betriebsausgabe bei 30 Prozent angenommener Steuer, ergibt sich eine Nettokostenbelastung von 14.364 Euro pro Jahr.

Wie wurde sichergestellt, dass Mitarbeitende den Benefit tatsächlich nutzen?

Die betriebliche Krankenversicherung (bKV) wurde in einer einstündigen Teamveranstaltung vorgestellt, um sämtliche Fragen direkt zu klären: Wie buche ich einen Facharzttermin ohne wochenlange Wartezeit? Wie nutze ich das psychologische Coaching zwischen zwei Projekten?

Jeder Mitarbeitende erhielt ein einseitiges Infoblatt mit den fünf meistgenutzten Leistungen und direkten Kontaktdaten zum Versicherer. Acht Wochen nach Einführung folgte eine Pulse-Befragung mit vier Fragen zu Nutzung und wahrgenommenem Wert.

Wie wurde gemessen, welche Maßnahme welchen Effekt hatte?

Zur Erfassung wurde Personio genutzt. Krankmeldungen wurden nach Diagnosegruppe kategorisiert und monatlich mit dem Ausgangswert verglichen. 

Alle sechs Wochen lief eine anonyme Kurzbefragung mit drei Fragen zur wahrgenommenen Belastung. Jede Maßnahme war mit Startdatum, verantwortlicher Person und Zielkennzahl versehen. Was nicht wirkte, wurde angepasst.

Was haben die Maßnahmen nach neun Monaten gebracht?

KPI Ausgangswert Q1 2024 Nach 12 Monaten
Krankheitsquote 7,2 % 4,9 %
AU-Tage je Mitarbeitenden/Jahr 15,8 10,4
AU-Fälle je Mitarbeitenden/Jahr 3,1 2,0
Anteil psychische Diagnosen 58 % 39 %
Mitarbeiterzufriedenheit (Skala 1–10) 5,8 7,6
Meistgenutzte bKV-Leistungen Psycho-Coaching (71 %),
Facharzt-Terminservice (54 %),
Sehhilfen (38 %)

Den Nettoinvestitionskosten von 14.364 Euro steht damit ein messbarer Nutzen von 61.560 Euro gegenüber, ROI 4,3.

Warum scheitern BGM-Projekte trotz richtigem Maßnahmenpaket?

Das häufigste Problem ist nicht das Maßnahmenpaket, sondern fehlende Konsequenz in der Nachverfolgung. Wer nach drei Monaten aufhört zu messen, weiß nicht, was gewirkt hat und was nicht. 

Was in einem IT-Beratungsunternehmen mit hohem Reiseaufkommen und psychischem Belastungsprofil funktioniert, ist nicht automatisch die richtige Antwort für einen Produktionsbetrieb oder ein Einzelhandelsunternehmen. Belegschaftsstruktur, Altersverteilung, Tätigkeitsprofile und Belastungsschwerpunkte unterscheiden sich zu stark. Die Analyse der eigenen AU-Daten ist deshalb nicht optional, sie ist der einzige Weg, Maßnahmen so zu wählen und weiterzuentwickeln, dass sie tatsächlich wirken.


Über den Autor

Über den Autor

Patrick Steeger berät seit mehr als zwölf Jahren Geschäftsführer & Personalverantwortliche zur betrieblichen Gesundheitsförderung und der Verbesserung der Mitarbeiterbindung. Zuvor war er als Regionalleiter eines Krankenhausnetzwerkes, als Geschäftsführer einer betrieblichen Krankenversicherung sowie als Sachverständiger tätig.

 

Back to top button