Emotionale Intelligenz: Die Arbeitsplatzgarantie für das digitale Zeitalter

Künstliche Intelligenz und Algorithmen stellen immer mehr menschliche Tätigkeiten in Frage. Ihre Fähigkeiten werden aber in absehbarer Zeit nicht das ersetzen können, was Menschen ausmacht.

Das Aufkommen der Automatisierung und der Künstlichen Intelligenz ist sowohl vielversprechend als auch beängstigend. Vielversprechend, da diese technologischen Entwicklungen neue, effizientere und produktivere Wege, Dinge zu erledigen, ankündigen. Beängstigend, weil sie auch eine tiefgreifende Veränderung einer der Grundsäulen unserer Gesellschaft impliziert: unserer Arbeitswelt. 

Emotionale Intelligenz spielt für den beruflichen Erfolg von Ingenieuren eine wichtigere Rolle als der IQ.

Dass sich letztere in einem stetigen Wandel befindet und sich auf Markttrends anpasst, ist nichts Neues. Automatisierungsprozesse und KI haben bereits in der Vergangenheit zu Veränderungen auf den weltweiten Arbeitsmärkten geführt. Geldautomaten haben Arbeitsprozesse von Bankfachangestellten übernommen und Selbstbedienungsanlagen übernehmen zumindest teilweise Aufgaben des Servicepersonals. 

Covid-19 und Automatisierung

Die Covid-19-Pandemie hat allerdings die Entwicklungsprozesse hin zu einer Automatisierung beschleunigt, da sich viele Unternehmen in einer höheren Geschwindigkeit digitalisieren mussten. Der Homeoffice-Trend ist hier nur das gängigste Beispiel unter vielen. Welche Auswirkungen dies auf unsere Arbeitsplätze hat, wurde vom Beratungsunternehmen McKinsey im Rahmen eines Diskussionspapiers „Die Zukunft der Arbeit in Europa“ zusammengefasst. 

Laut McKinseys Untersuchung überschneiden sich die durch die Pandemie gefährdeten Arbeitsplätze in Europa mit denen durch die Automatisierung bedrohten Stellen. Die Überschneidungsmenge soll ca. 24 Millionen europäische Arbeitsplätze in unterschiedlichen Sektoren betragen. Für Arbeitende bedeuten die durch Corona-Krise und Automatisierung herbeigeführten Veränderungen eine Weiterentwicklung ihrer bisherigen Tätigkeitsbereiche und somit eine Verlagerung der von ihnen geforderten Fähigkeiten. 

Das Mensch-Maschinen-Paar

Trotz der oben genannten Prognosen ist es eher unwahrscheinlich, dass ganze Berufe vollständig automatisiert werden können. Wahrscheinlicher ist es, dass KI-gestützte Technologien den Menschen bei einem Großteil der Aufgaben ersetzen und/oder ergänzen werden. 

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Unsere Generation wird vielmehr Zeuge der Geburt eines Mensch-Maschine-Paares. Je mehr Bedeutung der Künstlichen Intelligenz zukommt und je weiter sie sich entwickelt, desto mehr körperliche, manuelle und kognitive Tätigkeiten werden von Maschinen übernommen, und desto mehr müssen wir uns auf unsere menschliche Singularität konzentrieren, die uns von Maschinen unterscheidet. Für uns Menschen bedeutet dies, dass wir unseren Fokus auf unsere Verhaltenskompetenzen, sprich unseren „Soft Skills“, legen müssen.

Die menschliche „Emotionale Intelligenz“

Jeder Berufszweig, jede Position erfordert unterschiedliche sozio-emotionale Kompetenzen, sogenannte Soft Skills. Diese können in vier Untergruppen eingeteilt werden: 

  • Sozial: z.B. Empathie, Menschenkenntnis, Integrationsvermögen, Team- und Mitarbeiterführung, Resilienz, etc.
  • Persönlich: z.B. Entscheidungsfähigkeit, Selbstreflexion, Zielstrebigkeit und -orientierung, Engagement und proaktives Handeln, etc. 
  • Kommunikativ: z.B. aktives Zuhören, Networking, rhetorisches Geschick, Präsentationstechniken, Gesprächs- und Verhandlungsführung, etc.
  • Methodisch: z.B. Belastbarkeit, Sorgfalt, Problemlösungskompetenz, Kreativität, Flexibilität, etc. 

Je nach Berufsgruppe und Tätigkeitsfeld variiert die Signifikanz der Soft Skills. Bei einem Verkäufer sind zum Beispiel Einfühlungsvermögen und Kommunikation wichtiger als Kreativität oder kritisches Denken. Jedoch gibt es eine bestimmte Fähigkeit, die in die Kategorie der sozialen Soft Skills einzuordnen ist, die in jedem Job und Unternehmen von besonderer Bedeutung zu sein scheint und immer mehr Relevanz zugesprochen wird: die emotionale Intelligenz.

Wie kann man die Emotionale Intelligenz von Bewerbern überhaupt erkennen?

Seit mehr als zwanzig Jahren steht der Begriff der Emotionalen Intelligenz (EI) im Mittelpunkt vieler Debatten. Sie gilt als wesentlicher Bestandteil der menschlichen Intelligenz und wird als die Fähigkeit beschrieben, seine eigenen Emotionen und die der anderen wahrzunehmen, zu kontrollieren, zu verstehen und zu nutzen. So stellte Daniel Goleman, Psychologe und Wirtschaftsjournalist, in seinem Buch „EQ Emotionale Intelligenz“ fest, dass die EI eine wichtigere Rolle als der IQ für den beruflichen Erfolg von Ingenieuren spielt. 

Unsere Fähigkeit, Emotionen zu erkennen, mit ihnen richtig umzugehen, sie zu beeinflussen, Empathie zu zeigen und sie zum richtigen Augenblick einzusetzen, zeichnet uns als Menschen aus und unterscheidet uns von einer Maschine. Emotionale Intelligenz trägt somit maßgeblich zum Erfolg im Leben und im Beruf bei und erweitert den allgemeinen Intelligenzbegriff (z.B. kognitive und akademische Fähigkeiten).

Emotionale Intelligenz im Rekrutierungsprozess erkennen

Eine wichtige Frage, die sich damit für Personalverantwortliche, Führungskräfte und auch für Bewerber stellt, ist: Wie soll die emotionale Intelligenz eines Kandidaten während des Rekrutierungsprozesses bewertet werden? Wie bei allen Soft Skills scheint es unmöglich, sie auf einem Lebenslauf zu erkennen oder die menschliche Komplexität und Persönlichkeit in einem Vorstellungsgespräch oder einen zwanzigminütigen Test zu erfassen. 

Künstliche und emotionale Intelligenz ergänzen sich und verbessern das Gesamtergebnis.

Experten aus dem Bereich der Rekrutierung empfehlen hierfür den globalen Ansatz „MMRA“. Er steht für „Multifactor and Multiperson Recruitment Approach“ und beschreibt einen 360°-Rekrutierungsansatz. Nach diesem Verfahren werden zwei bis drei verschiedene Online- und Offline-Rekrutierungstools eingesetzt, in denen verschiedene Vertreter des Unternehmens teilnehmen, um einen passenden Kandidaten zu finden. Die einzelnen Vertreter teilen ihre Meinung erst mit den anderen, nachdem alle Tests durchgeführt wurden. Ziel des Ganzen ist es, eine umfassendere Sicht aus verschiedenen Perspektiven auf den Bewerber zu erhalten, um so Rekrutierungsfehler zu vermeiden, da die Entscheidung nicht von einer individuellen Meinung und dessen Vorurteilen abhängt. 

Durch die Kombination verschiedener Auswahlmethoden, wie zum Beispiel Lebenslaufabgleich, Persönlichkeitstest, Assessment-Center, Fallstudien und Video-Interviews, können die Soft Skills und die EI von Kandidaten effizienter bewertet werden. Gleichzeitig ist es ein großartiger Beweis dafür, dass Künstliche Intelligenz die emotionale Intelligenz ergänzt und nur verbessern und fördern kann.

Fazit

Die Frage „Wird Automatisierung unsere Arbeitsplätze bedrohen? Und wenn ja, in welchem Umfang?“ kann nicht mit einem einfachen „Ja“ oder „Nein“ beantwortet werden. 

Eins ist jedoch sicher: die Automatisierung wird in den nächsten Jahren zunehmen, sie wird definitiv Auswirkungen auf unsere Arbeitsplätze haben und Veränderungen nach sich ziehen. Während manche Stellen verloren gehen, können andere wiederum geschaffen werden. Jeder Beruf wird sich zu einem gewissen prozentualen Anteil verändern. Wir als Menschen müssen uns auf unsere Einzigartigkeit konzentrieren – unsere emotionale Intelligenz und Soft Skills. Wir werden neue Fähigkeiten erlernen, um neu geschaffene Arbeitsplätze zu besetzen. Unsere Anpassungsfähigkeit wird uns helfen, den Unterschied zu Maschinen herauszustreichen.


Über den Autor

Stéphane Brunner ist Head of International Sales bei CleverConnect, eines der führenden Anbieter von Rekrutierungslösungen und hat mehrjährige Erfahrung in der IT-Entwicklung und -Beratung. CleverConnect hat ein Portfolio von etwa 2000 Kunden und eine europäische Präsenz in Frankreich, Italien, Spanien, Benelux und dem deutschsprachigen Raum.

 

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