Die Rolle der Führungskräfte im Zeitalter von KI
Die KI-bedingte Automatisierung von Geschäftsprozessen motiviert viele Unternehmen dazu, ihre Managementstrukturen radikal zu verschlanken. Doch das wäre zu kurz gedacht.
Die Digitalisierung der Arbeit rüttelt bereis seit Jahrzehnten an den Organisations- und den Managementstrukturen der Unternehmen. Die Einführung von KI am Arbeitsplatz verspricht, diesen Prozess noch weiter zu beschleunigen. In einem neuen Bericht (PDF) der Peter Drucker Society und der Tata Consultancy Services stellen die Autoren fest, dass angesichts der Einführung von KI und der zunehmenden Digitalisierung der Geschäftsprozesse traditionelle Managementstrukturen ausgedient haben. Um zukunftsfähig zu sein, müssten Unternehmen ihre Strukturen, ihre Führungskultur und ihren Technologieansatz grundlegend überdenken. Sie sollten starre Hierarchien abbauen und eine inklusive Führungskultur etablieren, immer mit dem Ziel, die Fähigkeiten der Mitarbeiter auszubauen.
„Traditionelle Managementstrukturen haben ausgedient.“ Peter Drucker Society
Ähnlich klingt es in einem aktuellen Bericht von Deloitte. Diese Veränderungen seien nötig, weil KI nicht nur eine disruptive Macht im Markt ist, sondern auch weil sie die Arbeitsweise der digital Arbeitenden grundlegend verändert. Dies bedeute mitunter, dass Führungskräfte möglicherweise neue Aufgaben übernehmen müssen. Die Rolle der mittleren Manager sei dabei enorm wichtig, denn sie seien diejenigen, die aufgrund ihrer Position die Arbeitsabläufe im Unternehmen neu gestalten können. Arbeitende und Führungskräfte müssen zudem neue Fähigkeiten entwickeln, um das Potenzial von KI voll auszuschöpfen.
KI schafft wertvolle zeitliche Freiräume
All diese Veränderungen finden in einer Zeit geopolitischer Verwerfungen, wirtschaftlicher Ungewissheit und erhöhten Konkurrenzkampfs im Markt statt. Das erzeugt Druck auf allen Ebenen – Umsatzdruck in der Chefetage, Effizienzdruck im mittleren Management, Produktivitätsdruck bei der Belegschaft und Veränderungsdruck bei allen. „Der Druck in den Unternehmen momentan ist auf allen Ebenen zu spüren“, bestätigt Christian Stöwe, Coach und Mitgründer von Profil M, einer auf Führungskräfteentwicklung spezialisierten Beratung. „Andererseits ist KI auch ein Hoffnungsträger, denn immer mehr Arbeitende erleben gerade, dass KI sie bei bestimmten Aufgaben unterstützen und ihnen Erleichterung bringen kann.“
Die Erleichterungen durch KI bestehen hauptsächlich darin, Routineaufgaben schneller zu erledigen und auf diese Weise die eigene Produktivität zu steigern. Diese Erfahrung nimmt den Arbeitenden ein Stück weit den Druck und die Angst vor der Veränderung. Außerdem schafft sie dadurch zeitliche Freiräume, um sich mit der neuen Technologie intensiver auseinanderzusetzen. Laut Deloitte ist diese Aufgabe nicht zu unterschätzen, denn die Arbeitenden erkunden dadurch eine für sie völlig neue Arbeitsweise. „Da KI immer stärker mit der menschlichen Arbeit verflochten ist, verändert sie die Erfahrung der Arbeitenden – oft durch subtile, unbeabsichtigte Auswirkungen auf ihre Arbeit und die Art und Weise, wie sie diese ausführen“, so der Bericht.
Mit gutem Beispiel vorangehen
Während dieses Prozesses sind die Arbeitenden mehr denn je auf die Hilfe ihrer Vorgesetzten angewiesen. Der Deloitte-Bericht stellt mit Bedauern fest, dass ausgerechnet jetzt nur wenige Unternehmen die Kraft der Motivation erkennen und bewusst Maßnahmen ergreifen, um diese zu nutzen. „In diesen dynamischen Zeiten muss man sehr intensiv im Gespräch mit den Teammitgliedern bleiben, um zu verstehen, wie es ihnen geht und wie sie mit dem Druck umgehen“, sagt Christian Stöwe. „Es ist genauso wichtig zu verstehen, wie KI genutzt wird und wie kompetent der Umgang damit ist.“

Sowohl bei der Motivation als auch bei der Vermittlung von Kompetenz ist vor allem das mittlere Management in der Pflicht, denn diese Führungskräfte stemmen das Gros der fachlichen Personalführung in den Unternehmen. Der erste Schritt besteht darin, dass sie mit gutem Beispiel vorangehen und KI selbst in ihrer Arbeit einsetzen. Laut Stöwe haben sie in vielen Kompetenzfeldern ihrer Arbeit die Möglichkeit dazu.
„Bei Geschäftsentscheidungen kann ich dank KI meinen Markt, meine Wettbewerber, meine Produkte und meine Wirtschaftlichkeit viel differenzierter, viel schneller bewerten als ich das früher konnte. Bei der Personalführung kann mir KI zum Beispiel helfen, meine Kommunikation oder die Produkt- und/oder Unternehmenspräsentation zu verbessern. Und ich kann KI als Sparringspartner nutzen, um mich selbst oder meine Ideen besser zu reflektieren“, sagt Stöwe. Darüber hinaus werde KI in praktisch allen wichtigen Business-Anwendungen integriert, sodass Manager diesen Helfer künftig immer zur Verfügung haben werden, egal ob es sich um Dinge wie Ressourcen- und Schichtplanung oder um die Auswertung von Geschäftsdaten und die Einhaltung von Budgets geht.
„Management sollte nicht abgeschafft, sondern neu erfunden werden.“ Deloitte
Laut Deloitte sehen sich viele Unternehmen aufgrund der Effizienzgewinne durch KI dazu motiviert, zahlreiche Managementpositionen zu streichen und ihre Strukturen zu verschlanken. Gleichzeitig warnen sie vor unüberlegten Entscheidungen.„In einer Zeit, in der Arbeit immer komplexer, flüchtiger und KI-gestützter wird, mag die traditionelle Rolle der Führungskräfte nicht mehr zweckmäßig sein. Möglicherweise werden wir in Zukunft tatsächlich weniger Manager haben, aber deren Arbeitsweise sollte sich erstmal im Sinne der neuen Arbeitswelt weiterentwickeln“, empfiehlt Deloitte. Die Lösung liege nicht in der Abschaffung von Führungspositionen, sondern in deren Neuerfindung.
Die KI-gestützte Automatisierung eines Großteils der Verwaltungsaufgaben der Führungskräfte sollte von den Führungskräften dazu genutzt werden, sich auf den wesentlichen Teil ihrer Arbeit zu konzentrieren:
→ Entwicklung, Coaching, Motivation und Förderung von Mitarbeitern;
→ Neugestaltung der Arbeit, Umverteilung von Ressourcen und Optimierung der Interaktion zwischen Mensch und Maschine, um die menschliche Leistungsfähigkeit zu steigern;
→ Förderung von Agilität, strategischer Problemlösung und Innovation.
„Never stop thinking“
Da man sich für diese Aufgabe persönlich sehr stark einbringen muss, sind laut Christian Stöwe zunächst Selbstführungskompetenzen gefragt. „Achtsamkeit und Bewusstheit wären hier zu nennen, aber auch Empathie, Menschlichkeit und Mut, denn hier muss häufig die Initiative ergriffen und Verantwortung übernommen werden. Das ist sehr wichtig, weil die Entwicklung momentan sehr dynamisch ist. Gleichzeitig sollte man den Überblick behalten und sich nicht einfach treiben lassen, sondern immer die Situation strategisch beurteilen. Erst dann können Gedanken über die nächsten Schritte gemacht werden. Dabei gilt: immer wach bleiben, never stop thinking.“
Gelassenheit und Urteilskraft sind laut Stöwe zwei weitere Eigenschaften, die hoch im Kurs stehen. In Sachen Urteilskraft weist Deloitte darauf hin, dass besonders jüngere Führungskräfte, die aufgrund guter Leistungen in Managementpositionen gekommen sind, auf die Unterstützung ihrer Vorgesetzten angewiesen sind, denn sie hätten nicht die nötige Erfahrung für eine ausgeprägte Urteilskraft. Unternehmen wären gut beraten, in die Weiterentwicklung ihrer jungen Führungskräfte zu investieren.
Wie Führungskräfte es schaffen können, sich auf die menschlichen Aspekte der Führung zu konzentrieren, und was sie dabei besonders beachten sollten, lesen Sie hier.



